Paul Auster: Man In The Dark (dt. “Mann im Dunkel”)

Ich habe Paul Austers “frühe” Bücher mit Begeisterung gelesen, die “New York Trilogy”, “Moon Palace” und ganz besonders “Music of Chance”. Aber dann ist er mir entglitten. Entweder haben Austers Bücher sich verändert – oder ich habe mich verändert. “Mr Vertigo” fand ich furchtbar, “Timbuktu” albern und danach habe ich nichts mehr von ihm versucht zu lesen. Vor kurzem ist “Travels In The Scriptorium” erschienen, das sich interessant anhörte, es aber nicht auf meinen Lesestapel geschafft hat. Vielleicht werde ich das jetzt nachholen. Denn das neueste Buch “Man In The Dark” ist schlichtweg genial.

Ich habe es nur in die Hand genommen, weil es so ungewöhnlich ausschaut. Ein dünnes, gebundenes Bändchen mit einem sehr dezenten Schutzumschlag. Darunter ein weißer Einband mit schwarzem Leinenrücken auf dem goldgeprägt Titel und Autor zu finden sind. Das findet man ganz selten heute, ein Buch, dessen Äußeres so liebevoll gemacht ist. Und dann die Geschichte, die im Klappentext so beschrieben wird:

Seventy-two-year-old August Brill is recovering from a car accident in his daughter’s house in Vermont. When sleep refuses to come, he lies in bed and tells himself stories, struggling to push back thoughts about things he would prefer to forget—his wife’s recent death and the horrific murder of his granddaughter’s boyfriend, Titus. The retired book critic imagines a parallel world in which America is not at war with Iraq but with itself. In this other America the twin towers did not fall and the 2000 election results led to secession, as state after state pulled away from the union and a bloody civil war ensued. As the night progresses, Brill’s story grows increasingly intense, and what he is so desperately trying to avoid insists on being told. Joined in the early hours by his granddaughter, he gradually opens up to her and recounts the story of his marriage. After she falls asleep, he at last finds the courage to revisit the trauma of Titus’s death.

Mich als Freund von fantastischen Geschichten sprach natürlich die Parallel-Welten-Idee an. Aber auch nachts schlaflos im Bett zu liegen und sich eine Geschichte auszudenken ist mir nicht fremd. Diese Geschichte, die in Brills Kopf entsteht, ist außerordentlich komplex, er selbst kommt als Urheber darin vor, auch andere Figuren aus seinem Leben tauchen auf. Immer wieder wird die Erzählung unterbrochen, weil der Ich-Erzähler einen Hustenanfall oder etwas ähnliches bekommt – und in die Realität zurück geholt wird. In die Realität, die er kaum ertragen kann – verkrüppelt körperlich und seelisch, seine Tochter geschieden und unfähig darüber hinweg zu kommen, seine Enkelin in tiefer Trauer um ihren Ex-Freund Titus.
Es wäre kein Buch von Paul Auster, wenn sich die Dinge nicht anders entwickeln würden als erwartet. Die Geschichte in Brills Kopf ist nach gut zwei Dritteln des Buches abrupt zu Ende. August Brill sieht sich seiner Vergangenheit gegenüber. Doch genau dort beginnt das Buch wirklich gut zu werden! Die Schilderung seines Lebens, der Liebe zu seiner verstorbenen Frau ist wunderschön und glaubhaft. Und schliesslich muss er sich dem “trauma of Titus’s death” stellen. Auch das beeindruckend geschildert.

Ich habe das Buch gerade erst zu Ende gelesen, muss es noch gründlich verdauen. Aber ein Lesetipp ist es auf jeden Fall. Im August noch soll es auf deutsch erscheinen.

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Veröffentlicht in Bücher, Buchrezension
2 comments on “Paul Auster: Man In The Dark (dt. “Mann im Dunkel”)
  1. bibliophilie sagt:

    Kommt laut Amazon am 1.9. raus. Danke für den Tipp, ich habe bisher zwei Austers gelesen und habe mich in beiden Büchern wohlgefühlt (Stadt aus Glas, Mond über Manhatten). Werd mir das neue daher eventuell mal ansehen :-)

    Grüße

  2. sven sagt:

    hi,
    wenn dir die alten austers gefielen, dann bleib erstmal bei denen. seine neueren werke sind meiner meinung nach nicht mehr ganz so stark.
    man in the dark hat mir zwar gefallen, aber es kommt an seine frühen bücher nicht heran.
    würde leviathan empfehlen, ist neben mond über manhatten und der ny-trilogie einer der stärksten austerromane

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