Monatsarchiv: August 2009

Richard Morgan: The Steel Remains

morgan-steelremainsEin Fantasy-Roman von einem der härtesten SF-Schriftsteller der Gegenwart?
Als ich die Ankündigung las, wusste ich, dass ich dieses Buch haben musste. Und ich wurde nicht enttäuscht!
Ich bin ein Fan von Richard Morgan. Seine Romane um Takeshi Kovacs gehören zum besten, was das Science Fiction – Genre in den letzten Jahren meiner Meinung nach hervorgebracht hat. Sie sind kompromisslos hart, gewalttätig, inspiriert und glaubwürdig.
Und nun schreibt er Fantasy?

Das Buch: In einer Welt, die vielleicht unsere in einer weit entfernten Zukunft sein könnte, lebt der Schwertkämpfer Ringil Eskiath. Im Krieg ein Held, der die letzte Schlacht der Menschheit gegen das Echsenvolk anführte, verbringt er nun seine Tage in einem kleinen Nest fernab der grossen politischen Zentren und verdient sein Geld damit, dass er in einer Taverne Geschichten aus seiner Vergangenheit erzählt. Bis seine Mutter auftaucht und ihn bittet, zurückzukehren und einer in Not geratenen Cousine zu helfen. Widerwillig stimmt Ringil zu…
Egar the Dragonbane ist Steppen-Nomade, Clanführer und ein grosser Krieger. Auch er ein ehemaliger Kriegsheld, sehnt er sich zurück aus der schlichten Welt der Nomaden in die viel zivilisiertere Welt des Kaiserreichs von Yhelteth – und zu seiner grossen Liebe. Intrigen und der Hass des Stammes-Schamanen zwingen ihn, seinen Stamm zu verlassen…
Archeth ist die letzte ihres Volkes, der mächtigen Kiriathi. Als Beraterin des Kaisers von Yhelteth untersucht sie einen mysteriösen Angriff auf eine Hafenstadt und stellt etwas besorgniserregendes fest…

Soweit ist das ausserordentlich klassisches Fantasy-Material. Zu erwarten wäre, dass die drei, die auch im Krieg zusammen kämpften, sich wieder zusammentun um die Bedrohung für die zivilisierte Welt abzuwenden. Aber natürlich hat Morgan in „The Steel Remains“ einige Überraschungen parat. So zum Beispiel Ringils Homosexualität (die im Verlauf der Geschichte eine grosse Rolle spielt), die Tatsache, dass weder das Kaiserreich noch die Städte der Liga sehr zivilisiert sind (es gibt das klassische „Gute“ hier nicht, für das unsere Helden kämpfen sollen), die Bedrohung selbst – die Aldrain – sind vielleicht gar nicht so übel…

Richard Morgan entfaltet eine komplexe Geschichte, in der außerirdisches Leben, Quantentheorie, Schwert und auch Magie aufeinanderprallen. Während die Herkunft der nicht-menschlichen Rassen der Aldrain und Kiriathi erklärt wird, bleibt einiges doch überirdisch – vielleicht doch das Wirken von Göttern?
Insgesamt ist „The Steel Remains“ ein grossartiger Roman, der aus den Klischees des Genres auf bemerkenswerte Weise Kleinholz macht. Mit der Morgan eigenen Härte geschrieben, ist es ein Fantasy-Roman für Erwachsene, voller grausiger Beschreibungen, blutiger Kämpfe und detaillierter Sex-Szenen. Die fantastische Welt wird mit allen Konsequenzen durchdacht, es bleibt nichts von der Märchenhaftigkeit anderer Fantasy-Geschichten. Wo sonst findet man Beschreibungen des unsäglichen Leidens der Zivilbevölkerung, der Grausamkeiten der siegreichen Soldaten (der „Guten“ wohlgemerkt) oder der politischen Kleinmütigkeit der Herrschenden im Angesicht einer Bedrohung für die gesamte menschliche Bevölkerung?

Nichts für all jene, die noch einen weiteren Tolkien-Klon suchen, aber eine unbedingte Lese-Empfehlung für den, der einen spannenden, intelligenten und harten fantastischen Roman sucht. Ich habe das Buch mit einem tief befriedigten „Wow!“ zugemacht…

Erscheint im März 2010 auch als deutsche Ausgabe unter dem Titel „Glühender Stahl“…


Anonymus: Das Buch ohne Namen

Das Buch ohne Namen

Das Buch ohne Namen

Ganz sicher eines der merkwürdigeren Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe.

„Der Kultroman aus Grossbritannien erschien zuerst im Selbstverlag und eroberte seine Leser über das Internet.“ – So steht es im Klappentext. Wenn man das Buch gelesen hat, könnte man auf die Idee kommen, dass es die Verlagslektoren waren, die diesen Satz dort stehen haben wollten, denn sicher würde kein Lektor mit klarem Verstand ein solches Buch erscheinen lassen?

Worum geht es? Ganz grob: In der Stadt Santa Mondega, die zwar in den USA liegt, irgendwie aber nicht wirklich ein Teil der „normalen“ Welt ist, taucht kurz vor einer totalen Sonnenfinsternis ein Fremder auf – The Bourbon Kid – und richtet ein Massaker an…
Fünf Jahre später steht die nächste totale Sonnenfinsternis in Santa Mondega bevor (ein deutlicher Hinweis, wie ungewöhnlich die Stadt ist), es häufen sich grausige Morde, Gerüchte behaupten, dass Bourbon Kid wieder in der Stadt sei. Außerdem taucht ein geheimnisvoller Stein auf, das „Auge des Mondes“, dem magische Kräfte nachgesagt werden, und der schon bei Bourbon Kids erstem Massaker eine Rolle gespielt hatte. Zwei kampfstarke und naive Mönche sind auf der Suche nach dem Stein, ein wilder Kopfgeldjäger, ein skrupelloser Gangsterboss – und schlimmeres…
Folgendes spielt im Laufe des Buchs noch eine Rolle: Untote (Vampire, Werwölfe, etc), der heilige Gral, verschiedene Killer und Ganoven, ein Vampirjäger, zwei ungleiche Cops, die Partner werden, Wahrsagerei, ein Buch ohne Namen, eine Leihbücherei und Blut. Sehr viel Blut!

„Das Buch ohne Namen“ lässt kein Klischee aus, klaut fleissig aus Filmen und Popliteratur – und bleibt trotzdem irgendwie blass, blutleer möchte man sagen. Zum einen liegt das daran, dass immer wieder das gleiche Muster wiederholt wird – eine schillernde Gestalt taucht auf, sieht ein paar Kapitel ziemlich gut aus – und nimmt dann ein grausliches Ende. Nehmen wir mal den „King“:

Es war später Vormittag, als der Mann, den sie Elvis nannten, triumphierend in die Tapioca Bar stolzierte. Er bewegte sich, als würde er zum Takt von Suspicious Minds auf einer Bühne Jive tanzen – nicht nur in diesem Augenblick, sondern grundsätzlich. Es war, als hätte er unsichtbare Kopfhörer übergestreift, die ununterbrochen die Melodie spielten.
[...]
Elvis war nicht nur cool, er sah auch so aus. Zumindest für jemand, der immer angezogen war wie Elvis Presley. Eine Menge Leute denken, Elvis-Imitatoren sehen albern aus und machten sich selbst völlig zum Affen, doch über diesen Burschen dachte das niemand. Er erinnerte die Leute daran, wie unglaublich cool der echte King gewesen war, bevor er nicht mehr cool gewesen war. Sozusagen.

Dieser Elvis ist ein Killer, der für den Barmann der Tapioca Bar den Mörder seines Bruders und seiner Schwägerin finden und „erledigen“ soll. Der King macht sich auf die Suche, tötet einen Mann (leider nicht den richtigen) und dann…

Und dann sah er den Toten an der Decke hängen. Es war sein Blut, das auf die Decke tropfte.
Der Mann war durchbohrt worden. Buchstäblich an die Decke genagelt mit einer Anzahl kleiner Messer. Einige steckten in seinen Händen, einige in seinen Füßen, einige in seiner Brust. Ein weiteres steckte in seinem Hals, zwei steckten in seinen leeren Augenhöhlen, und es sah aus, als steckte eins in seinem Schritt. Gütiger Himmel! Aua!

Das ist das Ende von Elvis…

So geht es praktisch allen, die in diesem Buch auftauchen: einige Kapitel später sind sie tot. Das ist Anfangs noch unkonventionell und spassig – aber sehr schnell einfach ermüdend. Man wünscht sich, dass irgendwer, der ein kleines bisschen sympathisch ist, etwas länger lebt…

Der zweite ärgerliche Punkt ist, dass der Autor offenbar die Beschreibung von Action fürchtet. Ganz gleich wer wen tötet oder wer mit wem kämpft – fast immer bricht die Geschichte am Anfang des Kampfes ab und setzt wieder ein, wenn einer der Kontrahenten tot ist. Immer erfahren wir erst hinterher von der (immer sehr grausig zugerichteten) Leiche. Auch das ist gezielt eingesetzt ein nettes Stilmittel, wird hier aber wirklich übertrieben.

Witzig ist „Das Buch ohne Namen“ eigentlich nie. Jedenfalls fand ich das. Manchmal (aber leider nicht sehr oft) hat es die gleiche Faszination, die ein Tarantino-Film hat (das sicher beabsichtigt) oder wie ein richtig schlechter Italo-Western (auch beabsichtigt?), über weite Strecken ist es aber einfach ermüdend. Die immer gleichen schmierigen Typen, die an einen noch schmierigeren Typen geraten und dann tot sind. Gähn! Am Ende nimmt die Geschichte etwas Fahrt auf, ein paar Dinge werden klarer (bei weitem nicht alle!) und es gibt einen netten mystischen Touch. Aber alles in allem ist „Das Buch ohne Namen“ eine grosse Enttäuschung für mich gewesen. Dabei fand ich den Klappentext so vielversprechend! Schade


“Of the Monstrous Pictures of Whales” No.8

Noch mal eine Bastelarbeit: eine kleine Kartoffelschnitzerei – zu so was findet man im Urlaub Zeit…

Er taucht auf!

Er taucht auf!

Übrigens auch als Geburtstagsgruss für Herman Melville zum 190. !


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.