Monatsarchiv: September 2009

Charif Majdalani: Ein Palast auf Reisen

Charif Majdalani: Ein Palast auf Reisen, Verlag Knaus„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlässt ein junger Libanese seine Heimat, um in der weiten Welt sein Glück zu suchen. Er besteht Abenteuer, begegnet einer märchenhaften Karawane und findet schließlich seine große Liebe.“- So weit der Klappentext auf „Ein Palast auf Reisen“. Irgendwie stimmt das auch schon alles, aber es vermittelt ein falsches Bild dieses bemerkenswerten Buchs.

Was vor allen Dingen nicht deutlich wird – aber das ist auch schwierig – ist die wunderbare Ruhe und nostalgische Eleganz, mit der hier erzählt wird. Vor dem Leser wird das Bild einer fernen Zeit ausgebreitet – die es so wahrscheinlich nie gegeben hat, von der man aber gerne träumen mag. Eine Zeit von prächtigen Dinnerpartys in Kairo, von korrekt gekleideten Abenteurern und perfekten Gentlemen, von geheimen diplomatischen Missionen in Feindesland, von gewaltigem Reichtum und der damit verbundenen Macht.
Es ist die – von einem fiktiven Enkel rekonstruierte – fiktive Lebensgeschichte eines Libanesen aus bester Familie, gelehrt und wohlerzogen, der, so wie viele seiner Landsleute in dieser Zeit, seine Heimat verlässt. Er geht aber nicht in die Vereinigten Staaten oder nach Brasilien, nicht nach Haiti oder Sansibar, er geht in den Sudan: „das undankbarste Gebiet, das es zu jener Zeit gab“.

Wie die Konquistadoren, die Europa nicht mehr zu halten vermochte, verließ er den Libanon eines schönen Tages im Frühling. Vermutlich mit einigen Hemden und Taschentüchern in einem  kleinen Koffer und zärtlichen Erinnerungen im Kopf – an die Bäume im Garten des Hauses der Familie, wohin der Wind den ewigen Rhytmus des Meeres trägt, an den Duft von Jasmin und  Gardenien, an den weiten Himmel von Beirut, weich wie die Wange einer Frau, und an das liturgische Weiß des Schnees auf dem Gipfel des Sannin.

Als Verbindungsoffizier für die britischen Truppen arbeitet er, bleibt allerdings Zivilist. Seine Sprachkenntnisse und sein Wissen um Land und Leute führen dazu, dass er rasch auf seine erste Mission geschickt wird. Auch wenn er, Samuel Ayyad, mitten in politischen Unruhen und den Wirren des Ersten Weltkriegs durch Arabien zieht, ist „Ein Palast auf Reisen“ doch kein klassischer Abenteuer-Roman. Ein einziges Mal gibt es eine Schiesserei und auch davon wird mehr nebenher erzählt. Sonst gelingt es Samuel immer, alle Probleme mit Geschick und (britischem) Geld aus dem Weg zu räumen. So bleibt seine Begegnung mit dem berühmten T.E. Lawrence (an dessen Werdegang Samuel in vieler Hinsicht erinnert) nur eine Anekdote und selbst der titelgebende „Palast auf Reisen“ ist viel weniger spektakulär als man annehmen könnte. Aber genau das macht für mich auch den Reiz aus. Charif Majdalani hat ein wunderbares, stilles, fast schon verträumtes Buch geschrieben, das dennoch – auf seine ganz eigene Art – sehr spannend und ungemein fesselnd ist. Ein kleines Juwel.

Unter diesen Umständen liegt es jedenfalls nahe, sich zu fragen, wie es einem jungen Abenteurer gelingen kann, solch intensive Gefühle auszulösen. Nur weil er jung und ein Abenteurer ist, und die mondäne Welt ihn von einer Aureole umgeben sieht? In seinem Blick eine Kraft und Energie erkennt, die brennt und einschüchtert? Natürlich kommt diese Aura hinzu, die ihm den Ruf einbringt, Gründer von Sultanaten zu sein, genauso wie dieser Beiname <<weißer Sultan>>. So wird er also bereits zur ersten Abendeinladung bei den Soussa empfangen wie seinerzeit Garibaldi in den Salons von Palermo oder Kosciuszko in Paris. Die Damen bedauern fast, dass er nicht in seiner Savannenkleidung auftritt, staubig und männlich, mit struppigem Bart und leuchtenden Augen. Aber er trägt Smoking und Schnürschuhe, ist sehr elegant. Ich vermute, er bringt jenes gewisse Etwas mit, das einnimmt, das die begierigen Blicke junger Frauen anzieht: die selbstverständliche Gewissheit einer viktorianischen Erziehung, deren Anziehungskraft sich niemand entziehen kann.


Neal Stephenson: Anathem – deutsche Ausgabe

stephenson_anathem-deutschNa bitte! Die deutsche Ausgabe von Neal Stephensons grossartigem Roman „Anathem“ ist endlich angekündigt für Januar 2010, Preis ca. 29,95 €!

HIER geht’s zur Besprechung der Original-Ausgabe…


John Burnside: Glister

John Burnside: Glister„Glister“ von John Burnside (Deutsch von Bernhard Robben) ist ein Buch wie ein Gedicht: wunderschöne Sprache und eine Bedeutung, die man mehr erfühlen als begreifen kann. Das jedenfalls ist mein Eindruck.

Das Buch: Schon seit Jahre verschwinden in Innertown heranwachsende Jungs. Man ist zwar beunruhigt, aber niemand unternimmt etwas. Die offizielle Darstellung ist, dass die Jungs vermutlich weggelaufen sind, denn der Roman spielt in einer Gegend Englands, die durch eine mittlerweile stillgelegte Chemiefabrik entsetzlich verseucht wurde. Die Menschen, die dort früher arbeiteten, sind krank oder schon tot. Und da die Fabrik der einzige nennenswerte Arbeitgeber war, betrifft das fast alle Eltern der Kinder von Innertown. Die Heranwachsenden sind so sich selber überlassen, niemand kümmert sich um sie – im Gegenteil, viele von ihnen müssen sich um ihre Eltern kümmern.
So auch Leonard, über weite Strecken der Ich-Erzähler des Buchs. Seine Mutter hat die Familie vor vielen Jahren verlassen, der Vater vegetiert nur noch vor sich hin. Leonard ist ein Aussenseiter, sein einziger Freund ist der Bibliothekar John.

Und dann ist da noch Elspeth, die Leonard eines Tages anspricht und ihn fragt, ob er nicht mit ihr gehen wolle. Elspeth hat nur Interesse an einer Sache: Sex. Leonard ist da nicht abgeneigt, auch wenn er Elspeth manchmal recht lästig findet.
Auf seltsamen Wegen wird Leonard beinah Teil einer Bande von Jugendlichen, die durch die verseuchte Landschaft zieht und mutierte Tiere jagt. Auch hier bleibt er Aussenseiter, geht jedoch mit, als beschlossen wird einen anderen Aussenseiter zu „befragen“, der vielleicht – so die Vermutung des Bandenführers – etwas über die verschwundenen Jungen weiss. Und obwohl Leonard klar ist, dass etwas furchtbares passieren wird, kann er es dennoch nicht verhindern…

„Glister“ ist ein Buch voller Andeutungen. Man fühlt sich an Bilder aus Tschernobyl erinnert und es ist sicher kein Zufall, dass es eine Anspielung gibt auf Tarkowskis „Stalker“:

Elspeth bekommt immer noch Albträume, wenn sie an diesen einen Film denkt, in dem irgendein Typ mit einem großen schwarzen Hund durch eine vermüllte Landschaft läuft, und die Kamera mal näher an eine Glasscherbe, mal an ein Buch oder sonst was heranfährt, während jemand, den man nie zu Gesicht bekommt, aus dem Off quasselt und überall Wasser tröpfelt; mehr passiert nicht, und das geht über vier Stunden so – auf Russisch.

Überhaupt spielen Filme und Bücher eine grosse Rolle, sie sind für Leonard die einzige Verbindung zur Aussenwelt – und für den Leser einer der wenigen Hinweise darauf, dass der Roman tatsächlich in unserer Gegenwart spielt (denn beim Lesen hatte ich immer eher den Eindruck, das die Handlung in den 50er Jahren angesiedelt sei):

Er liebt es, eine Frau zu beobachten, wenn sie nachts langsam durch ein Gebäude streift und der Strahl ihrer Taschenlampe durch die unbekannte Dunkelheit wandert, Agent Scully in einer Lagerhalle, die nach einem Verdächtigen mit übermenschlichen Kräften sucht, Catherine Willows vom CSI in einem Vorstadthaus oder Studentenheim, die eine Leiche nach der anderen findet, während sie sich langsam durch das Gebäude vorarbeitet.

Was es mit dem Verschwinden der Jungs auf sich hat, bleibt eher ungewiss. Zwar erfahren wir schon im ersten Kapitel, dass auch Leonard einer der Verschwundenen ist, doch seine Erzählung macht am Ende dann wenig Sinn. So ist „Glister“ alles andere als ein Krimi, es geht dem Autor wohl mehr darum, zu zeigen, was eine aus den Fugen geratene Gesellschaft und eine ruinierte Natur mit unseren Kindern anstellen können. Vielleicht. Aber wie bei einem guten Gedicht kann eigentlich jeder das aus der Geschichte mitnehmen, das er mitnehmen möchte…

Und weil es so ein wunderschönes Buch ist, über das man eigentlich wenig sagen kann, hier noch eine meiner Lieblingsstellen:

Plötzlich wusste ich, dass er mich nur auf den Arm genommen hatte, und von diesem Augenblick an mochte ich ihn irgendwie. Schließlich verdankte ich es John, dass ich noch einmal zu Herman Melville griff. Ich kannte eine überarbeitete Fassung von Moby Dick aus der Kinderbücherei, nicht aber den eigentlich Roman. Irgendwelche allgewaltigen Mächtigen hatten aus irgendeinem unerfindlichen Grund schon vor vielen Jahren beschlossen, dass sich Moby Dick als Kinderbuch eigne, woraufhin allerlei seltsame Ausgaben herausgebracht worden waren, samt und sonders gekürzt und illustriert und auf das bloße Skelett einer Abenteuergeschichte reduziert. Schlimmer noch, man hielt Melville für jemanden, der nur ein einziges Buch geschrieben hatte, weshalb ich, bis John kam, nichts von Maskeraden wusste, von Bartleby, der Schreiber oder Billy Budd. Niemand aber sollte je den ewigen Dank vergessen, den er jenem Menschen schuldet, der ihn zum ersten Mal dazu bringt, den wahren Herman Melville zu lesen. Laut John gehörte der ungekürzte Moby Dick ebenfalls zur fesselnden Lektüre – und er hatte recht, so wie er mit Proust und all den anderen Autoren recht hatte.


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