Schlagwort-Archive: Science Fiction

Richard Morgan: The Steel Remains

morgan-steelremainsEin Fantasy-Roman von einem der härtesten SF-Schriftsteller der Gegenwart?
Als ich die Ankündigung las, wusste ich, dass ich dieses Buch haben musste. Und ich wurde nicht enttäuscht!
Ich bin ein Fan von Richard Morgan. Seine Romane um Takeshi Kovacs gehören zum besten, was das Science Fiction – Genre in den letzten Jahren meiner Meinung nach hervorgebracht hat. Sie sind kompromisslos hart, gewalttätig, inspiriert und glaubwürdig.
Und nun schreibt er Fantasy?

Das Buch: In einer Welt, die vielleicht unsere in einer weit entfernten Zukunft sein könnte, lebt der Schwertkämpfer Ringil Eskiath. Im Krieg ein Held, der die letzte Schlacht der Menschheit gegen das Echsenvolk anführte, verbringt er nun seine Tage in einem kleinen Nest fernab der grossen politischen Zentren und verdient sein Geld damit, dass er in einer Taverne Geschichten aus seiner Vergangenheit erzählt. Bis seine Mutter auftaucht und ihn bittet, zurückzukehren und einer in Not geratenen Cousine zu helfen. Widerwillig stimmt Ringil zu…
Egar the Dragonbane ist Steppen-Nomade, Clanführer und ein grosser Krieger. Auch er ein ehemaliger Kriegsheld, sehnt er sich zurück aus der schlichten Welt der Nomaden in die viel zivilisiertere Welt des Kaiserreichs von Yhelteth – und zu seiner grossen Liebe. Intrigen und der Hass des Stammes-Schamanen zwingen ihn, seinen Stamm zu verlassen…
Archeth ist die letzte ihres Volkes, der mächtigen Kiriathi. Als Beraterin des Kaisers von Yhelteth untersucht sie einen mysteriösen Angriff auf eine Hafenstadt und stellt etwas besorgniserregendes fest…

Soweit ist das ausserordentlich klassisches Fantasy-Material. Zu erwarten wäre, dass die drei, die auch im Krieg zusammen kämpften, sich wieder zusammentun um die Bedrohung für die zivilisierte Welt abzuwenden. Aber natürlich hat Morgan in “The Steel Remains” einige Überraschungen parat. So zum Beispiel Ringils Homosexualität (die im Verlauf der Geschichte eine grosse Rolle spielt), die Tatsache, dass weder das Kaiserreich noch die Städte der Liga sehr zivilisiert sind (es gibt das klassische „Gute“ hier nicht, für das unsere Helden kämpfen sollen), die Bedrohung selbst – die Aldrain – sind vielleicht gar nicht so übel…

Richard Morgan entfaltet eine komplexe Geschichte, in der außerirdisches Leben, Quantentheorie, Schwert und auch Magie aufeinanderprallen. Während die Herkunft der nicht-menschlichen Rassen der Aldrain und Kiriathi erklärt wird, bleibt einiges doch überirdisch – vielleicht doch das Wirken von Göttern?
Insgesamt ist „The Steel Remains“ ein grossartiger Roman, der aus den Klischees des Genres auf bemerkenswerte Weise Kleinholz macht. Mit der Morgan eigenen Härte geschrieben, ist es ein Fantasy-Roman für Erwachsene, voller grausiger Beschreibungen, blutiger Kämpfe und detaillierter Sex-Szenen. Die fantastische Welt wird mit allen Konsequenzen durchdacht, es bleibt nichts von der Märchenhaftigkeit anderer Fantasy-Geschichten. Wo sonst findet man Beschreibungen des unsäglichen Leidens der Zivilbevölkerung, der Grausamkeiten der siegreichen Soldaten (der „Guten“ wohlgemerkt) oder der politischen Kleinmütigkeit der Herrschenden im Angesicht einer Bedrohung für die gesamte menschliche Bevölkerung?

Nichts für all jene, die noch einen weiteren Tolkien-Klon suchen, aber eine unbedingte Lese-Empfehlung für den, der einen spannenden, intelligenten und harten fantastischen Roman sucht. Ich habe das Buch mit einem tief befriedigten “Wow!” zugemacht…

Erscheint im März 2010 auch als deutsche Ausgabe unter dem Titel “Glühender Stahl”…


Gary Gibson: Lichtkrieg

gibson-lichtkrieg“Lichtkrieg” hatte ich vor einigen Wochen schon in der Hand, damals fehlte mir aber die Zeit dafür. Statt dessen habe ich ein wenig im Internet nach dem Autoren gesucht. Gary Gibsons Blog unter http://www.whitescreenofdespair.blogspot.com ist äusserst lesenswert. Zum Beispiel sein Artikel über eBooks und eBook-Reader. Wenn Sie sich für Vampire interessieren, dann lesen Sie mal die Geschichte “The Ranch“. Das ist eine der originellsten Vampirgeschichten, die ich kenne…

Gary Gibsons “Lichtkrieg” ist leider bei weitem nicht so originell. Dem eifrigen SF-Leser wird vieles bekannt vorkommen…
Kurz zum Inhalt. Etwa 500 Jahre in der Zukunft hat sich die Menschheit weit im Weltraum ausgebreitet, doch bewohnbare Planeten sind rar. Und es gibt nur eine Zivilisation, die über die Technik des Überlichtantriebs (bei Gibson wird es “Transluminalantrieb” genannt) verfügen. Die Shoal gestatten es ihren “Klientenrassen” einen festgelegten Teil des Weltraums zu besiedeln und transportieren sie in ihren Kernschiffen über die weiten Strecken zwischen den Sternen. Doch sie hüten sorgsam das Geheimnis des Transluminalantriebs.
Als auf einem einsamen Planeten ein Wrack entdeckt wird, das offenbar aus einer anderen Galaxis stammt, macht sich eine zusammengewürfelte Expedition auf den Weg, das Wrack zu bergen…

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Brian D’Amato: 2012 – Das Ende aller Zeiten

Brian D'Amato: 2012

Brian D'Amato: 2012

“2012 – Das Ende aller Zeiten” von Brian D’Amato ist zum Teil Weltuntergangs-Thriller, etwas Science-Fiction, ein wenig historischer Abenteuerroman, garniert mit einer Prise Esoterik. Ach ja, und es enthält eine der bemerkenswertesten Sex-Szenen die ich je gelesen habe – mit dem typographisch schönsten Höhepunkt, den ich kenne…
Das alles (bis auf den letzten Punkt) trifft aber auch auf fast jeden Dan-Brown-Roman zu, was macht also “2012″ so besonders? Es liegt vor allem am Ich-Erzähler des Romans: Jed DeLanda. Weiterlesen


Neal Stephenson: Anathem (Fazit)

anathem-fazitDie abschliessende Bewertung steht noch aus – hier kommt sie, fällt mir aber nicht ganz leicht.

Wie man aus den ersten beiden Einträgen zu “Anathem” entnehmen konnte, war ich vollkommen begeistert. Bis etwa dreihundert Seiten vor Schluss kann Stephenson mich fesseln – seine Darstellung dieser Welt, Arbre, ist faszinierend, vielschichtig, spannend. Dann aber muss er sich auf die eigentliche Story konzentrieren. Ich will hier nicht zu viel verraten, deshalb nenne ich es mal das “Ereignis”. Dieses “Ereignis” ist ein wirklich weltveränderndes. Um es richtig zu verstehen, braucht der Leser ein bisschen Nachhilfe zu grundlegenden physikalischen (und auch philospohischen) Fragen. Quantentheorie und die sich daraus ergebenden Fragen nach der Natur des Kosmos. Viele-Welten-Interpretation zum Beispiel. Nun kann Stephenson das ja schlecht einfach erklären, darum lässt er verschiedene Personen in seinem Roman darüber diskutieren. Während das einerseits interessant und auch irgendwie spannend ist, wüsste man doch als Leser gern, wie es denn nun weitergeht…
Nach diesen ziemlich langen Seiten voller kosmologischer Debatten (und vieler Andeutungen) folgt dann ACTION! Da geht es richtig zur Sache und das “Ereignis” rückt noch mal in den Mittelpunkt. Es wird aber auch richtig verwirrend. Was daran liegt, dass oben erwähnte Theorien praktisch angewendet werden.
Und schliesslich das Ende. Wie es sich für einen guten SF-Roman gehört, bleiben viele Fragen unbeantwortet, bzw. der Leser kann sich seine eigenen Antworten zusammenreimen. Das finde ich nicht weiter schlimm. Was mich jedoch traurig gestimmt hat, ist die Tatsache, dass das “Ereignis” die Welt Arbre für immer verändert hat. Und das es das Arbre der ersten sechshundertundirgendwas Seiten nicht mehr gibt. Das ist die Art von Enttäuschung, die beim Lesen von Winnetous Tod in Karl Mays “Winnetou III” aufkommt – das unwiderrufliche Ende einer wunderbaren Geschichte. Obwohl – hier vielleicht nicht wirklich unwiderruflich…?

P.S.: Meine erste Einschätzung bezüglich der Unübersetzbarkeit ins Deutsche möchte ich zurücknehmen. All die Begriffe, die ich anfänglich für schwer zu übersetzen hielt, braucht man nicht zu übersetzen. Sie sind englischen Lesern ebenso unbekannt wie deutschen Lesern; ob nun Fraa oder Mynster oder Avout – das sind alles Wortschöpfungen, die in einer Sprache genau so gut funktionieren wie in einer anderen…


Neal Stephenson: Anathem (2)

anathem-02Eigentlich hatte ich vor, während des Lesens, wie bei anderen Einträgen in der Rubrik “Lesetagebuch”, meine Eindrücke zu schildern. Das lasse ich aber bleiben: ich habe Sorge, dass ich zu viel verraten würde. Ich möchte nicht den Spass verderben, den man mit diesem Buch haben kann.
Seit wirklich langer Zeit ist “Anathem” wieder ein Buch, bei dem ich schon jetzt (rund 200 Seiten vor dem Ende) traurig bin, weil es bald vorbei sein wird. Ich möchte noch ganz lange in der Gesellschaft von Fraa Erasmas, Fraa Lio und Fraa Arsibalt verbringen, möchte ihnen bei ihren Diskussionen zuhören und erleben, wie sie Probleme lösen. Für mich noch immer das Highlight (trotz einer durchaus spannenden Story und einiger abenteuerlicher Einlagen): die Art und Weise, wie die Avout (jedenfalls die aus Saunt Edhar – es gibt auch andere), mit intellektuellem Eifer ihre Welt zu verstehen versuchen. Sie sind keine religiösen Fanatiker:

“That’s funny because if anyone actually did prove the existence of God, we’d just tell him ‘nice proof, Fraa Bly’ and start believing in God,” I said.

Sie sind aber auch keine unmenschlichen Logiker (wie vielleicht die Vulkanier aus “Star Trek”). Sie sind Menschen mit menschlichen Bedürfnissen, die aber gelernt haben, dass sich Probleme leichter lösen lassen, wenn man vernünftig darüber redet und nachdenkt. So wenden sie zum Beispiel regelmässig eine “Technik” an, die als Gardan’s Steelyard bezeichnet wird (und in unserer Welt Ockhams Rasiermesser heisst). Ganz einfach gesagt: bei zwei Theorien, die einen Sachverhalt erklären, ist in der Regel die richtig, die einfacher ist. Beim Lesen von “Anathem” frage ich mich immer wieder, warum wir solche Techniken nicht im Alltag einsetzen? Und warum es so viel Bulshytt um uns herum gibt…

Bulshytt: (1) In Fluccish of the late Praxic Age and early Reconstitution, a derogatory term for false speech in general, esp. knowing and deliberate falsehood or obfuscation. Weiterlesen


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