Pietro Grossi: Fäuste

Fäuste„Fäuste“ – gefeiertes literarisches Debut eines jungen Italieners. Das Buch umfasst drei Erzählungen, die lediglich durch die grundlegende Thematik des Erwachsenwerdens zusammenpassen. Die erste Geschichte „Boxen“ ist es wohl, die dem Buch seinen Namen gegeben hat. Hier wird beschrieben, wie ein Außenseiter durch seine Fähigkeit zu Boxen zu etwas besonderem wird. Das klingt konventionell, ist es aber nicht. Denn der Junge in der Geschichte hat seiner Mutter die Erlaubnis zum Boxen abgerungen – und muß dafür versprechen, daß er niemals kämpfen wird. Also trainiert er lediglich, aber das macht er so gut, so talentiert, daß alle, die ihn sehen, begeistert sind. Man nennt ihn „den Tänzer“ und er wird zu einer kleinen Legende. Davon erfährt auch „die Ziege“, ein anderer Boxer, für den der Boxring ebenso viel bedeutet wie für „den Tänzer“, wenn auch aus anderen Gründen – er ist taubstumm. Schließlich kommt es zu einem Kampf zwischen den beiden – und zum Ende ihrer Kindheit.

Zitat aus „Boxen“:

Da drin herrschte eine Logik. Da drin konnte keiner ausreißen, weder du noch die anderen, und du wusstest, gegen wen du da kämpfst, außerdem war es immer nur einer, er wog genauso viel wie du, und wenn er dich schlug, dann hieß das, er war besser als du oder hatte mehr Erfahrung, und in beiden Fällen konntest du aus deiner Niederlage nur was lernen. Es scheint absurd, aber irgendwann gehst du genau dorthin, wo alle sich schlagen, weil du dich dort am sichersten fühlst.

Schon in dieser ersten Geschichte klingt Hemingway an, nicht nur weil es ums Boxen geht, sondern vor allem in der Klarheit der Sprache und der Ideen. „Boxen“ gefällt mir gut, aber die zweite Erzählung in dem Band ist bei weitem die beste: „Pferde“

Zwei Brüder bekommen von ihrem Vater Pferde geschenkt. Sie haben keine Ahnung von Pferden oder vom Reiten, aber sie müssen sich nun um die Tiere kümmern. Das tun sie, indem sie einen der Alten in ihrem Dorf bitten, ihnen beizubringen, was sie wissen müssen. Der Alte willigt ein, aber die beiden Brüder müssen sich das verdienen, indem sie für ihn arbeiten. Beide Brüder lernen, doch sie lernen unterschiedliche Dinge. Der eine bleibt im Dorf, lernt mit Tieren umzugehen und wird „vernünftig“ – der andere reitet in die verlockende Stadt, sobald er dazu in der Lage ist. Dennoch bleibt ein enges Verhältnis zwischen beiden Brüdern, das in einer klaren, wunderschönen Sprache ohne Kitsch geschildert wird. Hier ist noch mehr Hemingway drin, und es erinnert auch an „In der Mitte entspringt ein Fluss“ von Norman Maclean. Eine wirklich wunderbare Geschichte, die allein schon des Kauf des Buches rechtfertigt.

Zitat aus „Pferde“:

Es war sofort allen klar, daß die Pferde die beiden Jungen an unterschiedliche Orte bringen würden. Wir können uns noch so sehr einreden, wir seien alle gleich, jeder biegt sich die Welt zu seinen Gunsten zurecht, um schließlich dort anzukommen, wo es ihm vorherbestimmt ist. Der eine benutzt das Messer um zu töten, der andere, um einen Apfel zu zerteilen. Dasselbe Messer und all das, was dazwischen liegt, das ist die Welt, für jeden von uns verschieden.

Und dann ist da noch „Der Affe“. Vielleicht habe ich es nicht verstanden, oder ich habe zu sehr auf etwas noch besseres als „Pferde“ gehofft – es gefiel mir nicht. Da ist mir zuviel italienische Lebensart drin, zuviel Gerede ohne Sinn, Geschwafel… Macht aber nix. Zwei von drei ist nicht übel.