Mark Z. Danielewski: House of Leaves (Das Haus)

House of Leaves (Das Haus)Nachdem ich auf WORTKUNST-BLOØG sehr kontroverse Stimmen zu diesem Buch gelesen habe, bin ich neugierig geworden. Ich habe mir die englische Paperback-Ausgabe bestellt, die nur rund die Hälfte der deutschen Hardcover-Ausgabe kostet. Und als ich das Buch dann in Händen hielt, war ich gleich begeistert. Man soll zwar ein Buch nicht nach dem Äußeren einschätzen – aber wenn das Äußere so ansprechend ist, dann macht das schon was aus. Also…
Das Buch wiegt ein gutes Kilo (1046 Gramm), hat ein eher unübliches Format, recht groß und breiter als normale Bücher (23 x 17,5 cm). Durch all das und durch das flexible Cover hat man ein bisschen das Gefühl, man hielte eher ein Manuskript in der Hand denn ein fertiges Buch. Das wird noch verstärkt durch die verschiedenen Schrifttypen im Text, Seiten mit farbigen Abbildungen von z.B. Briefumschlägen, auf die etwas gezeichnet wurde, Briefe im Anhang und einem sehr (!) ausführlichen Register. Also ein wirklich beeindruckender Auftritt den „House of Leaves“ da hinlegt.

Dann beginnt man zu lesen und stockt schon bei der „Widmung“ (?): This is not for you. – Schade eigentlich, ich habe aber trotzdem weitergelesen…

„House of Leaves“ besteht aus einem Manuskript, daß in der Wohnung eines verstorbenen alten Mannes („Zampanò„) gefunden wurde. Der „Herausgeber“ dieses Manuskripts, Johnny Truant, schreibt eine Einleitung und versieht den Text mit zahllosen Fussnoten – zusätzlich zu den Fussnoten, die schon Zampanò eingefügt hat. An manchen Stellen gibt es Fussnoten Truants zu den Fussnoten Zampanòs.

Das eigentliche Manuskript beschäftigt sich mit einem „Dokumentarfilm“, den Will Navidson über seinen Einzug in sein neues Haus drehte. Mit diesem Haus, das stellt sich bald heraus, ist einiges nicht in Ordung – so ist es zum Beispiel innen größer als außen. Zampanòs Manuskript ist eine Abhandlung über diesen Film, in der auf zahllose Artikel, Bücher und Interviews verwiesen wird, die sich auch dem sog. „Navidson Record“ widmen. Allerdings weist Truant in seiner Einführung darauf hin, daß weder der Film, noch eines der zitierten Werke zu existieren scheinen. Hinzu kommt, daß Zampanò blind war, daß er den Film also (selbst wenn es ihn gäbe) unmöglich gesehen haben könnte. Und in seinen Texten geht Zampanò immer wieder auf ganz spezielle optische gestalterische Aspekte ein, Dinge, die man nur sehen, aber sonst in keiner Weise erfahren kann. Dennoch, trotz all dieser Widersprüche, ist Johnny Truant gefesselt von den Texten, die er da zusammenstellt…
Das grundlegende Gefühl, daß sich beim Lesen von „House of Leaves“ einstellt, ist eines von Desorientierung. Man beginnt die Realität in Frage zu stellen. Die im Buch ebenso wie die im „richtigen“ Leben. Danielewski erzählt Geschichten in Geschichten in Geschichten und über lange Zeit ist nicht klar, welche eigentlich die „richtige“ Geschichte des Buches ist. Was aber auch entsteht, ist ein enormer Sog, der den Leser erfaßt. Das Buch ist eine Herausforderung, es ist ein Rätsel, das gelöst werden will. Es geht garnicht so sehr darum, zu erfahren wie es mit den Personen weitergeht, ob Navidson und seiner Familie in ihrem Haus schreckliches widerfährt oder wie Johnny Truant mit dem Manuskript klarkommt oder auch nur wie Zampanò das alles schaffen konnte – nein, man möchte einfach nur verstehen, was das alles soll. Auf einer englischen Internetseite über Horror-Literatur habe ich diesen netten Abschnitt gefunden:

Here’s a novel that absolutely requires effort to read, and repays it in kind. Still, climbing Mount Everest requires effort and repays it in kind. That doesn’t mean that every reader will find the reward justifies the effort. But this is ever true of experimental and literary fiction. ‚House of Leaves‘ is an excellent example of what happens When Experimental Literary Writers Attack. (aus „The Agony Column Book Reviews and Commentary„)

„House of Leaves“ steckt voller Andeutungen, Hinweise und Rätsel. Namen sind selten (wenn überhaupt) zufällig gewählt, besonders in Verbindung mit den diversen Anhängen wird das schnell klar. Das Problem ist, daß man nicht beides gleichzeitig lesen kann. Im Grunde müsste man permanent die Briefe der Mutter Truants an ihren Sohn und die weiteren Texte Zampanòs querlesen um möglichst viele Zusammenhänge zu verstehen. Das hier ist ein Buch, daß man mehrfach lesen muss. Um den Anfang zu verstehen, sollte man das Ende schon kennen.

Und im Gegensatz zu vielen anderen Büchern sollte man hier auch die Fußnoten aufmerksam lesen – natürlich besonders die von Johnny Truant, die eine eigene Geschichte erzählen, eine sehr traurige wie ich finde, aber auch in denen von Zampanò stecken Hinweise.

Noch ein paar Worte zur grundlegenden Struktur: es gibt in diesem Buch drei große Erzählebenen. Da ist einmal natürlich der Film selbst, der als Nacherzählung in Zampanòs Abhandlung auftaucht. Dann eben diese Abhandlung, die von Truant aus Fragmenten zusammengesetzt, teilweise rekonstruiert wird und die auch Rückschlüsse auf Zampanòs Denken zulässt. Und dann natürlich Truants Geschichte, das Vorwort und die diversen Fussnoten, die ja eine ganz eigene Geschichte erzählen (in diesem Zusammenhang sollte man wirklich auch die Briefe seiner Mutter lesen – bzw. entschlüsseln – besonders die späteren enthalten wichtige Hinweise, die man braucht, um Truant zu verstehen.)
Am interessantesten finde ich die Tatsache, daß Truant in seinem Vorwort klarstellt, daß es den Film, über den Zampanò schreibt, nicht gibt, genau wie einige der Bücher, auf die er sich bezieht. (Aber: als letzten Anhang gibt es die „Gegenbeweise“ der Herausgeber, dort ist zum Beispiel eine Abbildung eines der Bücher, von denen Truant behauptet, sie seien fiktiv.) Man hat hier also eine gleich mehrfach gebrochene Erzählweise. Selbst wenn man den Roman als eigenständige Welt und „wahr“ annimmt, ist dennoch der eigentliche Erzählinhalt fiktiv. So braucht man sich keine Sorgen und die Navidsons zu machen, die in ihrem Haus Furchtbares ertragen müssen – denn es gibt sie ja nicht. Diesen Abstand verstärkt noch der Textaufbau, der die Geschichte immer wieder durch mehrseitige Fussnoten unterbricht. Das gilt für Zampanòs Manuskript ebenso wie für Truants Geschichte. Immer wieder endet eine Erzählung abrupt und der Leser fragt sich: wo war ich nochmal dran? Kein Buch zum „Verschlingen“, nicht mal zum zügigen Lesen. Aber eines, das den Kopf beschäftigt – und das eine ganze Weile…

Ein Mammutwerk, ohne Zweifel. Ein Buch, das man sich erarbeiten muß. Nicht ganz unähnlich dem großartigen „Moby-Dick“, mit dem es auch immer mal wieder verglichen wird. Vielleicht würde Melville heute auch zu typographischen „Tricks“ greifen wie Danielewski. Ganz sicher haben beide einen Hang zu Abschweifungen, in denen sie ihr profundes Wissen kund tun. (Bei Melville sicher Wissen, bei Danielewski vielleicht auch nur gute Recherchefähigkeiten…)

P.S. – Wer „House of Leaves“ interessant findet, sich aber nicht soviel „zumuten“ möchte, der kann sich ja mal „Gedankenhaie“ anschauen.

P.P.S. – Ein paar Worte zur deutschen Übersetzung hier…

Ein Gedanke zu “Mark Z. Danielewski: House of Leaves (Das Haus)”

  1. uhhh…. ich hör jetzt ganz schnell auf, deine besprechung zu lesen. ich bin mit dem buch (in der übersetzung….) gerade fertig geworden und merke, daß ich mir ähnliches dazu denke wie du geschrieben hast. und da will ich mich jetzt nicht beeinflussen lassen…😉

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