Tom Rob Smith: Kind 44

Kind 44„Kind 44“ handelt von grausamen Morden an Kindern. Ein Buch, das ich aus diesem Grund eigentlich niemals lesen würde. Aber: „Kind 44“ spielt in der Sowjetunion zur Zeit der letzten großen „Säuberungswelle“ unter Stalin. Und deshalb habe ich es doch gelesen.

Kurz zum Inhalt: Leo Demidow ist Agent des MGB, des Inlandgeheimdienstes. Als solcher ist es seine Aufgabe, alle antisowjetischen Umtriebe im Keim zu ersticken. Leo glaubt an das System, an den Kommunismus. Er ist gut in dem, was er tut. Dann wird er von einer Ermittlung abgezogen um einem anderen MGB-Agenten nahezulegen, daß der Tod seines vierjährigen Sohnes kein Mord gewesen sein kann. Denn Mord kommt im Kommunismus nicht vor. Und wer etwas anderes behauptet, der kommt ins Arbeitslager. Wenn er Glück hat. Leo hat Erfolg mit seiner Mission, er schüchtert die Familie und Zeugen so weit ein, daß alle von einem Unfall reden. Aber in Leo sitzt der Keim des Zweifels…

So gerät er selbst in die Mühlen des Systems, wird deportiert – und entdeckt weitere Kindermorde. 44 – und es werden mehr. Leo hat nur eine Chance, er muß den Mörder finden und stoppen, ehe er selbst gefasst wird.

Das erste Drittel des Romans ist atemberaubend. So dicht habe ich selten eine Beschreibung eines totalitären und absolut gnadenlosen Systems gelesen. Jedes falsche Wort kann buchstäblich das letzte sein. Manchmal schüttelt man sich beim Lesen – und dann denkt man sich: aber das ist nicht erfunden! So hat es wirklich funktioniert damals unter Stalin! Das ist das eigentlich erschreckende, das ist keine düstere Utopie wie in „1984“, das ist die Beschreibung einer Realität, die vor knapp 50 Jahren herrschte.

Dummerweise verliert das Buch viel von diesem „Reiz“, denn als Leo in Bedrängnis gerät, stirbt zufällig gerade Stalin. Und so entsteht erst einmal ein Machtvakuum, in dem niemand für Todesurteile gut ist. Also wird Leo nur „versetzt“, zwar weit weg von Moskau und auch zur Miliz, so daß er seinen Status als MGB-Mann verliert, aber das ist immer noch ziemlich milde. Statt also gefoltert und getötet zu werden, wird Leo in die Provinz geschickt, findet dort neue Indizien, sogar Leute, die ihm glauben und helfen und versöhnt sich schließlich sogar wieder mit seiner Frau Raisa. Und ganz am Ende gibt es so etwas wie ein Happy-End.

„Kind 44“ lässt sich gut lesen; die Kindermorde sind nicht unnötig blutig dargestellt und dienen eigentlich nur als Rahmenhandlung, durch die das System in seiner ganzen Grausamkeit und Absurdität erlebbar werden soll – aber insgesamt ist das Buch einfach zu zahm. Eigentlich ist es nichts halbes und nichts ganzes, denn als Beschreibung stalinistischer Zustände taugt es nur bedingt, und als Krimi ist es auch recht enttäuschend. Allerdings fällt mir im Moment auch kein anderer Roman ein, der diese Zeit derartig beschreibt. Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ und auch Schalamows „Durch den Schnee“ beschreiben sehr eindringlich das Leben in den sowjetischen Gefangenenlagern – aber nicht den Alltag dieser Zeit, schon garnicht aus Sicht eines MGB-Agenten…

Tom Rob Smith: Kind 44. Erscheint im Januar 2008 im Dumont-Literatur-Verlag.

5 Gedanken zu “Tom Rob Smith: Kind 44”

  1. vielleicht das nächste mal bei der kritik etwas weniger spoiler einbauen, bzw. vorwarnen… jetzt kann ich mir das buch nämlich auch so sparen

  2. @ franzi: Ja, das sehe ich ein. Allerdings ist es ganz schön schwierig, etwas über ein Buch zu schreiben, ohne etwas über den Inhalt zu sagen. Das artet dann leicht in Allgemeinplätze aus. Und gerade bei diesem Titel finde ich selbst es gar nicht so wichtig, wie die Handlung tatsächlich abläuft. Der Thriller-Teil, die Spannung, ist nicht das wichtigste. Und für alle, die es als Thriller lesen möchten: es gibt noch einige unverhersehbare Wendungen und den großen Showdown am Ende habe ich auch nicht verraten!🙂

  3. Ich habe mir meine Besprechung auch noch mal durchgelesen, es ist in der Tat problematisch, ein Buch vorzustellen, ohne den Inhalt zumindest in groben Zügen zu schildern.

    Die Beschreibung der Zustände in der Stalinzeit ist schlimm, ganz schlimm. Hier ist für mich Brodsky mit seinen Einlassungen derjenige, der die Schlüsselsätze sagt. Was mich ein wenig gestört hat ist folgendes: man glaubt diese Beschreibungen alle (ich auch!), weil sie sich so schön mit dem decken, was man ja sowieso „weiß“ (unter anderen von Solschenyzin). Smith ist aber lt Biographie in keinster Weise als Russland-Experte ausgewiesen, er hat in Italien gelebt, ein paar Monate in Phnom Penh. Es wäre mir „wohler“, ich wüsste, woher er seine Kenntnisse über die Stalinzeit hat…..

  4. das beste was ich jemals gelesen habe.
    bis heute hat sich auch nichts geändert; halt verschoben in andere diktaturen der welt.
    und auch der „westen“ ist nicht besser geworden.

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