Favell Lee Mortimer / Todd Pruzan: Die scheußlichesten Länder der Welt

Favell Lee Mortimer / Todd Pruzan: Die scheußlichesten Länder der WeltEs dürfte hinlänglich bekannt sein, daß Karl May die von ihm beschriebenen Länder nicht selbst besucht hat. Aber er hat in der Regel mit Begeisterung und Hochachtung über die Länder und ihre Einwohner geschrieben. Auch wenn es Schurken gab, fanden sich immer heldenhafte Menschen, die Old Shatterhand (oder Kara Ben Nemsi oder wie auch immer) zur Seite standen.

Ganz anders dieses Büchlein, jetzt im Verlag Malik erschienen. Der Untertitel verrät schon einiges: Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer.

Mrs. Favell Lee Mortimer lebte von 1802 bis 1878 in England. Auch sie hat ihr Heimatland nie verlassen. Das hielt die Bestseller-Autorin aber nicht davon ab, drei Reiseführer (oder eher: Länderbeschreibungen, denn Reiseführer im heute gebräuchlichen Sinn sind es nicht) zu veröffentlichen: The Countries of Europe Described (1849), Far Off: Asia and Australia Described (1852) und Far Off, Part II: Africa and America Described (1854). Das vorliegende Buch stellt eine Auswahl aus allen drei Bänden vor, die geradezu atemberaubend ist.

Mrs. Mortimers Ruhm gründete sich auf Kinderbücher wie Peep of Day, dessen Untertitel Or a Series of Earliest Religious Instructions the Infant Mind is Capable of Receiving ja schon nichts Gutes ahnen läßt. In der Einleitung zu Die scheußlichesten Länder der Welt findet sich auch ein Auszug aus dem „Werk“, das sich mehr als eine Million mal verkauft hat und noch heute (etwas überarbeitet) im Druck sei:

„…Wie leicht könnte man deinem armen kleinen Körper wehtun! Wenn er ins Feuer fiele, würde er verbrennen. Wenn er mit einem großen Messer durchbohrt würde, würde all das Blut auslaufen. Wenn dir eine große Kiste auf den Kopf fallen würde, würde dein Kopf zerquetscht werden.“

Sie veröffentlichte auch ein Leselernbuch mit dem Titel Reading without Tears, über das Winston Churchill in seinen Memoiren schrieb: „In meinem Fall war der Titel mit Sicherheit völlig ungerechtfertigt.“ Keine Unbekannte also, diese Mrs. Mortimer, auch wenn sie heute (glücklicherweise) ziemlich in Vergessenheit geraten ist. Wir dürfen uns jetzt an diesem kuriosen Werk erfreuen, das all die Vorurteile und Übellaunigkeiten einer offenbar höchst schwierigen viktorianischen Dame versammelt.

Ein paar Kostproben? Bitteschön:

Auch wenn die Waliser nicht sehr sauber sind, sehen ihre Häuser sauber aus, weil sie sie jedes Jahr tünchen, und manchmal tünchen sie auch die Schweineställe.

Obwohl die Portugiesen so träge sind wie die Spanier, sind sie nicht so ernst und traurig und still. Sie sind stolz wie die Spanier, aber auch hinterlistiger. Sie haben schwarze Augen und schwarzes Haar und eine dunkle Haut wie die Spanier, aber sie haben weißere Zähne, denn sie rauchen nie, während es in Spanien eben das Rauchen von Papierzigarren ist, was die Zähne ruiniert.

Dänemark ist flach, doch bei weitem nicht so flach wie Holland, auch nicht so feucht oder hässlich.

Charakter der Türken: Sie sind so ernst, daß sie weise aussehen. Aber wie können faule Menschen wirklich weise sein?

Es gibt noch eine dritte Religion in China. Dies ist die Sekte des Buddha. Dieser Buddha war ein Mann, der einst behauptet hatte, daß er in einen Gott namens Fo verwandelt würde. Sie sehen, er war sogar noch schlimmer als Laotse.

Hier kriegt jeder sein Fett weg – und das macht das Buch heute so unterhaltsam. Besonders spaßig sind natürlich die Stellen, an denen Vorurteile geäußert werden, die wir auch heute noch gerne haben („Es gibt kein Land auf der Welt, daß so feucht ist wie Holland.“)

Dieses hübsche gebundene Buch (mit Lesebändchen zum Preis von 16,90 €) ist das ideale Geschenk. Man kann es jedem schenken, der des Lesens einigermaßen mächtig ist. Man kann es als Ganzes lesen oder sich ein paar Seiten herauspicken. Es läßt sich als historisches Dokument betrachten oder als amüsantes Kuriosum. Es taugt für Menschen, die überhaupt keine Vorurteile haben und solche, die davon zuviele haben. Jung oder alt, groß oder klein. Für’s Bücherregal oder für die Toilette. Wirklich schön!