Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

Robert Löhr: Das Erlkönig-ManöverWas für ein Spaß! Seit Walter Moers‘ „Rumo“ habe ich mich bei einem Buch nicht mehr so amüsiert… (Stand: Seite 196 von 362)

Man schreibt das Jahr 1805. Die Franzosen unter Kaiser Napoleon haben das „Heilige Römische Reich Deutscher Nationen“ bis zum Rhein besetzt. Wer soll ihnen Einhalt gebieten? Glücklicherweise ist der Sohn des von den französischen Revolutionären hingerichteten Ludwig XVI. nicht (wie es in den Geschichtsbüchern steht) in seinem Kerker gestorben. Nein, er konnte entkommen, verschwand nach Amerika, wo er ein paar Jahre blieb und kehrt nun – auf Einladung einiger Fürsten – nach Europa zurück. Dummerweise direkt in die Arme von Napoleons Geheimpolizei, die ihn nach Mainz verschleppt, wo er – nach endgültiger Identifizierung – hingerichtet werden soll. Damit wären die Pläne von Napoleons Gegnern zunichte gemacht, die lieber ihn als den Korsen auf dem Thron Frankreichs sähen.

Also muß er in einer tollkühnen Aktion befreit werden. Diese gefährliche und ehrenvolle Aufgabe übernimmt eine Truppe, wie es sie in der deutschen Literatur wohl noch nicht gegeben hat: es sind (in der Reihenfolge ihres Auftretens) Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist, Alexander von Humboldt, Bettine Brentano und Achim von Arnim.

Mit diesem Personal und diesem skurrilen Einfall zimmert Robert Löhr ein fabelhaftes Buch. Diese Ikonen deutscher Literatur in einer solchen Räuberpistole zu verwursten ist außerordentlich respektlos – und genau darum so charmant. Goethe und Schiller sind ein wahres Dreamteam, schlagfertig (buchstäblich), verwegen und dicke Freunde. Schiller ist mit der Armbrust mindestens so geschickt wie sein „Wilhelm Tell“, Kleist ein reitender, säbelschwingender, pistolenfeuernder Teufelskerl, Humboldt ein machetenbewehrter Pfadfinder. Löhr macht aus den Halbgöttern, die wir doch alle nur ehrfürchtig staunend betrachten, richtige Menschen. Vielleicht nicht so, wie sie waren, aber so, wie sie hätten sein können.

Das ganze natürlich gespickt mit Zitaten. Man kann sich Büchmanns „Geflügelte Worte“ danebenlegen und nachschauen, aus welchem Stück gerade zitiert wird. Wenn Schiller sagt: „Dem Manne kann geholfen werden“ ehe er seinem Gegenüber eins mit einem Hirschgeweih überzieht, oder Goethe, nachdem ein Gegner mit einem Löscher vom Schreibtisch bewußtlos geschlagen wurde: „Worte sind des Dichters Waffe“, dann hat das einen Reiz, dem man sich schwer entziehen kann. Löhrs Figuren scheinen immer ein wenig selbstironisch, und das ist gut so. Auch in einer Szene, in der sich die Helden verfolgt von den Franzosen glauben – es dann aber doch nur ein Autogrammjäger ist, der sein Exemplar des „Werther“ signiert haben möchte…

Allerdings sollte nicht verschwiegen werden, das es auch Längen gibt in diesem Buch. Die Beschreibungen sind stilistisch ein wenig an damals übliche Formen angepasst. Das ermüdet manchmal ein bisschen. Aber – wie bei Karl May – kann man das getrost überlesen und sich wieder der „Action“ und den Dialogen zuwenden.

P.S.: Warum nur schreibt man hier „Historischer Roman“ drauf?

Zum zweiten Teil der Besprechung geht es HIER

Ein Gedanke zu “Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver”

  1. Danke mal wieder für den Tip😉
    da wird sich mein Wunschzettel gleich um zwei Bücher vergrößern:
    – Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver
    – Büchmanns “Geflügelte Worte”

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