Peter Watts: Blindflug

BlindflugEin brillanter Science-Fiction-Roman!
2082 – Am Himmel über der Erde erstrahlen plötzlich zehntausende von Lichtern. Es sind verglühende Sonden außerirdischen Urprungs. Unbemannte Aufklärer werden ausgesandt um heraus zu finden, woher die Sonden stammen. Doch sie können keine konkreten Ergebnisse vorweisen. Also wird die „Theseus“ auf die Reise geschickt, bemannt mit dem besten, was die Erde zu bieten hat: der Käpt’n ist das Schiff selbst, ein hochleistungsfähiger Quantencomputer. Kommandant der Mission ist ein Vampir (die lange ausgestorbenen Vampire hat man durch genetische Rekonstruktion wieder zurückgeholt, weil sie in einigen Dingen den Menschen weit überlegen sind – nur ihre Allergie gegen rechte Winkel macht sie verletzlich…), für den Fall eines Kampfes ist Majorin Amanda Bates mit an Bord, carboplatin-verstärkt und eigentlich eher pazifistisch, der Biologe Isaac Szpindel, dessen Sinnesorgane durch Prothesen ersetzt wurden, die es ihm ermöglichen, einen Operationsroboter nicht nur zu steuern, sondern der Roboter zu sein, Susan James und die Gang, eine (durch bewusste chirurgische Eingriffe geschaffene) multiple Persönlichkeit, die durch ihre vier Bewusstseinszentren sehr viel schneller komplexe, linguistische Probleme lösen kann. Und schließlich Kiri Seeton, Synthesist, dem als Junge das halbe Gehirn entfernt und durch Prothesen ersetzt wurde. Er stellt das Verbindungsglied dar zwischen den Spezialisten an Bord und den „normalen“ Menschen auf der Erde.
Allerdings verschlägt ihr Einsatz sie so weit in den Weltraum, daß Kommunikation mit der Erde praktisch unmöglich ist. Dort draußen treffen sie auf das Artefakt, das sich selbst Rorschach nennt. Während sie es erforschen, müssen sie sich grundlegenden Fragen stellen nach den Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit. Was ist Bewusstsein? Und: gibt es Intelligenz ohne Bewusstsein?
In seinem Roman erzählt Watts nicht nur die klassische Geschichte einer kleinen Gruppe von Menschen, die auf sich allein gestellt mit etwas absolut fremdartigem konfrontiert wird. Er entwirft auch das Bild einer menschlichen Gesellschaft, die sich von fast allem, das wir heute als „menschlich“ bezeichnen, verabschiedet hat. Warum sollte man versuchen sich mit seinem Partner zu verstehen, wenn man das Gehirn so modifizieren kann, daß man sich versteht? Mehr noch: warum sollte man sich die Mühe machen, mit einem realen Partner zu leben, wenn die Virtualität alle Bedürfnisse befriedigen kann – ohne die lästigen Pflichten. In einer Welt, in der Computer intelligent sind, ist der Mensch eigentlich überflüssig, es sei denn, er modifiziert seinen Körper und Geist so weit, daß er mithalten kann. Ist er dann noch ein Mensch?
Peter Watts ist von Haus aus Meeresbiologe. Das tut seiner Beschreibung eines Erstkontaktes mit Außerirdischen gut! Er beschreitet neue Wege und bringt neue Ideen in ein Genre, daß von neuen Ideen lebt.
Im Juni erscheint im Heyne-Verlag das nächste Buch von Watts: „Abgrund“. Das dürfte die Übersetzung des ersten Bandes der Rifters-Trilogie sein, die in den USA vor „Blindflug“ erschienen ist. Die Rifters sind genetisch dem Leben in der Tiefsee angepasste Menschen. Wenn das Buch auch nur annährend so gut ist wie das vorliegende, dann dürfte das ein Knüller werden…
P.S.: Man sollte in diesem Buch auch den Anhang lesen. Nicht nur wird deutlich, daß vieles im Roman auf aktuellen wissenschaftlichen Entdeckungen / Entwicklungen beruht, es ist auch witzig! Aus dem gleichen Grund lohnt sich auch die „Danksagung“ ganz zum Schluß.

3 Gedanken zu “Peter Watts: Blindflug”

  1. Falls sich jemand wundert: ja, ich habe den kompletten Artikel verändert. Der erste Versuch wurde dem Buch einfach nicht gerecht, ich hoffe, so ist’s besser…

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