Uzodinma Iweala: Du sollst Bestie sein

Du sollst Bestie seinIm Amman-Verlag ist dieses Buch erschienen, in dem die Geschichte des afrikanischen Kindersoldaten Agu erzählt wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Schilderungen desselben Themas (z.B. „Feuerherz“ oder „Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr„) handelt es sich hier aber nicht um ein autobiographisches Buch, sondern ganz ausdrücklich um einen Roman. Der Autor wurde 1982 in Washington, D.C. geboren, studierte in Harvard und lebt heute in Washington und Lagos, Nigeria. Seine Mutter, Ngozi Okonjo-Iweala, war Finanz- und Wirtschaftsministerin von Nigeria, kurz auch Außenministerin. Also keiner, der selbst als Kindersoldat missbraucht wurde und nun darüber schreibt. Allerdings hat Iweala mit ehemaligen Kindersoldaten nicht nur gesprochen, sondern intensiv mit ihnen gearbeitet.

Agu flieht, als sein Dorf angegriffen wird. Er wird von einem Soldatentrupp aufgegriffen. Bis zu diesem Zeitpunkt kennt Agu Soldaten nur aus Filmen und von Paraden in der Stadt. An diese Bilder denkt er, als der Kommandant des Trupps ihn fragt, ob er Soldat werden wolle. Also sagt er ja – aber ihm ist auch klar, daß die Alternative der Tod ist. Wenig später tötet Agu zum ersten Mal einen Menschen. Damit beginnt ein furchtbarer Weg. Agu tötet, verstümmelt, schändet. Er schneidet ungeborene Babies aus den Bäuchen ihrer Mütter – um zu sehen, ob es Jungen oder Mädchen sind. Er schlägt Kindern die Hände ab, die sich an ihre Eltern klammern. Aber er macht das nicht aus Freude. Er ist Soldat und Soldaten machen solche Dinge. Außerdem ist es ja „der Feind“. Der Feind, der ihm seine Familie genommen hat. All das wird nicht voyeuristisch-reißerisch dargestellt, sondern gleichsam durch denselben Filter, der es auch Agu ermöglicht, solche Grausamkeiten zu begehen. Wenig Details, die Opfer werden nicht ausführlich beschrieben, sie sind nur das – Opfer. Aber auch Agu ist Opfer, nicht nur weil er als Soldat benutzt wird, sondern auch weil der Kommandant ihn sexuell mißbraucht.

Erzählt wird in einer sehr einfachen Sprache, im Original ein Pidgin-English, das der Autor aus verschiedenen afrikanischen Englisch-Dialekten erstellt hat, in der deutschen Übersetzung eine ebenfalls neue Kunstsprache, die aber authentisch wirkt. Ein zweifellos kaum übersetzbares Buch, dessen Übersetzung erstaunlich gut gelungen ist.

Die Geschichte von Agu spielt nicht in einem speziellen Land, nicht in einem speziellen Konflikt (der Originaltitel ist „Beasts of No Nation“). Sie ist allgemeingültig, nicht nur weil der Autor das so wollte, sondern weil es wirklich keinen Unterschied macht. Agus Leben besteht nur aus dem Hier und Jetzt. Manchmal, wenn er die Augen schließt, dann erinnert er sich daran wie es war, ehe der Krieg kam. Wie seine Mutter ihm Lesen beibrachte aus seinem Lieblingsbuch, der Bibel. Wie er mit seinen Freunden spielte. Wie in ihrem Dorf Feste gefeiert wurden. Manchmal denkt er sogar an eine bessere Zukunft. Doch wenn er die Augen wieder aufmacht, dann ist Krieg, und Krieg bedeutet töten. Das ist es, was ein Soldat tun muss, darum tötet auch Agu…

„Du sollst Bestie sein“ ist ein sehr bemerkenswertes Buch. Eines, das man nicht wieder vergißt. Ob es, wie manche Rezensenten meinen, alle anderen Bücher zu diesem Thema überflüssig macht, sei dahingestellt. Ganz sicher aber hebt die Tatsache, daß es sich um einen Roman handelt, das Buch heraus. Es ist kein Einzelschicksal sondern eher eine Parabel des Schreckens.