William Gibson: Quellcode

William Gibson by Fred ArmitageVor wenigen Wochen auf deutsch erschienen ist der neueste Roman von William Gibson: „Quellcode“, im Original „Spook Country“. Besprechungen sind rar, die Welt am Sonntag hat eine recht ausführliche gebracht, die aber meiner Meinung nach dem Buch auch noch nicht gerecht wurde. Deshalb und weil ich ein Fan Gibsons bin, hier ein längerer Artikel über William Gibson und seine Bücher – und natürlich über „Quellcode“…

William Gibson verbindet man automatisch mit „Neuromancer“. Mitte der 80er Jahren erschienen und einer der einflussreichsten SF-Romane überhaupt. Zu einer Zeit, in der niemand, den ich kannte, einen Computer besaß, und in der die Idee, irgendwann selbst eine solche Maschine zu haben, schon wie Science Fiction erschien, beschrieb Gibson eine vollständig vernetzte Welt, in der jeder überall und jederzeit Zugang zu jeder Information erhalten konnte. Diese technische Wunschwelt wurde bezahlt mit einer Gesellschaft, in der alle sozialen und moralischen Werte verloren gegangen waren. Die Welt war vollkommen globalisiert (auch wenn der Begriff erst später erfunden wurde), so sehr, daß der Leser zwar wusste, wie die Stadt hieß, in der sich der Protagonist gerade befand – aber nicht unbedingt, auf welchem Kontinent sich die Stadt befand.

Aber neben den inhaltlichen Aspekten war es auch Gibsons unnachahmlicher Stil, der die „Neuromancer“-Trilogie („Neuromancer“, „Count Zero“, „Mona Lisa Overdrive“) aus der Masse anderer Romane heraus hob. Unglaublich präzise formulierte Sätze, die man immer wieder lesen wollte, einfach weil sie so schön waren. Personen immer mit einer kühlen Distanz geschildert, ohne Gefühlsduselei, ebenso sauber beschrieben wie die technischen Wunderwerke um sie herum. Ein besonderes Markenzeichen Gibsons war immer die großzügige Verwendung von Markennamen. Da war man nicht einfach mit einem Auto unterwegs, sondern mit einem „Mercedes“; man nutzte nicht einfach einen Computer, sondern einen „Ono-Sendai“.

Haniwa was a product of the DornierFujitsu yards, her interior informed by a design philosophy similar to the one that had produced the Mercedes that had chauffeured them through Istanbul. (aus William Gibson: Neuromancer)

Nach dem Roman „Die Differenz-Maschine“ (zusammen mit Bruce Sterling) erschien dann einige Jahre später die „Bridge“-Trilogie („Virtual Light“, „Idoru“, „All Tomorrow’s Parties“), weniger technische Wunderwerke, eine nicht ganz so postapokalyptische Welt – insgesamt viel näher an der Realität. (Zu bedenken: als die „Neuromancer“-Trilogie erschien, war sie zwar SF, aber nicht unmöglich. Die Realität entwickelte sich in eine andere Richtung – der dritte Weltkrieg konnte vermieden werden, Cyberspace wurde nicht eine 3D-Virtualität, sondern eine Textwüste. Das verarbeitete Gibson in einer angepassten Version seiner Welt…) Die „Bridge“-Trilogie war nicht mehr so revolutionär wie die „Neuromancer“-Romane, aber dennoch unverkennbar Gibson. Die Handlung nicht mehr so extrem, der Stil dafür umso präziser.

QuellcodeUnd nun schreibt er also keine Science Fiction mehr? Eigentlich hat er das nie – oder tut es noch immer. Wieder hat die Realität den Roman eingeholt, die Welt ist total vernetzt, (fast) jeder kann jederzeit und überall auf (fast) jede Information zugreifen. Wozu also noch etwas erfinden? Denn die Wirklichkeit enthält mehr SF als wir uns träumen lassen. Man muß nur hinsehen. Und das kann Gibson – und tut es. „Mustererkennung“ und nun „Quellcode“ sind Beschreibungen einer Welt, die unsere ist und uns doch staunen macht. Gibt es die Kunstrichtung „Locative Art“ (schon)? Keine Ahnung, aber möglich wäre es. Und was wissen wir schon darüber, was man mit GPS anstellen kann? Oder über das, was Geheimdienste und Regierungen so treiben. Oder auch „nur“ Werbeagenturen?

In „Quellcode“ tauchen Ex-Rockstars auf, Künstler in virtuellen Welten, Computerfreaks, illegale Einwanderer mit kubanisch-chinesisch-russischen Wurzeln, geheime Regierungsoperationen, (Ex)-Geheimdienstleute mit eigenen Zielen und ganz eigenen Wegen – und natürlich die Speerspitzen modernster Informationstechnologie – Abhör- und Verschlüsselungssysteme, globale Ortungssysteme per GPS, virtuelle Realität (fast wie früher…)

Wie alle Romane Gibsons ist auch „Quellcode“ ein Puzzle, in dem sich erst gegen Ende die Teile zusammenfügen, lange Zeit laufen Handlungsstränge parallel, ohne das der Leser eine Idee hat, wohin das alles führen könnte. Wenn sie dann aber zusammenlaufen, dann so gekonnt, daß hinterher kaum zu entwirren ist, wer woher kommt… Es ist nicht mehr der Cyberpunk der frühen Jahre, aus dem Punk ist eher Jazz geworden – subtiler, vielschichtiger, nachdenklicher und weniger laut. Und vielleicht auch darum nicht mehr auf den Bestseller-Listen zu finden. Und das trotz solcher wunderschönen Sätze wie diesem:

Hollis wollte möglichst schnell aus dem Auto aussteigen. Die Tür öffnete sich wie ein krude Mischung aus Banktresor und Armani-Abendtasche, in perfekter Balance zwischen bombensicherer Solidität und kosmetischer Leichtgängigkeit. (aus William Gibson: Quellcode) – bezieht sich übrigens auf einen VW Phaeton

Übrigens: Was in keiner Rezension und auch nicht im Klappentext angegeben wird, ist die Tatsache, daß „Quellcode“ eine Fortsetzung von „Mustererkennung“ ist. Wieder taucht der mysteriöse belgische Medienmogul Hubertus Bigend auf und wieder ist von Onyx-Abhörstationen die Rede. Meine Vermutung: auch das wird wieder eine Trilogie und erst im abschließenden Band wird das „große Ganze“ sichtbar. Ich bin gespannt!

Ein sehr aufschlussreiches Interview mit William Gibson gibt es auf intro.de. Da äußert er sich auch zur Trilogie-Theorie. (Danke an Chris für den Tipp!) Und noch eins bei 3Sat. Sehen oder lesen.

Portrait v. Gibson: Fred Armitage at Flickr

3 Gedanken zu “William Gibson: Quellcode”

  1. Das hört sich ja vielversprechend an.
    Mustererkennung war eines der wenigen Bücher in „letzter“ Zeit, die ich quasi am Stück durchgelesen habe

  2. Ich gebe zu, ich hab nur gescrollt, …hebs mir noch auf, daher les ich nich wies anderen gefällt😉

    Aber das es keine (wenige) Besprechungen (in welchen Medien auch immer) gibt,..ist schon bemerkenswert…

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