Peter Watts: Abgrund

AbgrundNach dem hervorragenden Science-Fiction-Roman „Blindflug“ jetzt das „neue“ Buch von Peter Watts. Neu in Anführungszeichen, denn „Abgrund“ ist in Amerika bereits 1999 erschienen. Jetzt auf deutsch im Heyne-Verlag.

Zum Inhalt: Die Welt im Jahr 2050 steht vor dem Kollaps, ökologisch, sozial und auch energietechnisch. Um die ständig steigende Nachfrage nach Energie befriedigen zu können, installiert die Netzbehörde Generatoren auf dem Meeresgrund, in mehreren tausend Metern Tiefe und dort, wo die Erdkruste am instabilsten ist – in den sogenannten Riftzonen. Die Generatoren müssen gewartet werden, da immer wieder unvorhersehbares geschieht. Die Wartungsmannschaft lebt in der Tiefe, sie wurde medizinisch daran angepasst – unter anderem wurde ein Lungenflügel entfernt, um Platz zu machen für eine Maschine, mit deren Hilfe man unter Wasser atmen kann. Doch die technischen Probleme sind nicht die einzigen: die große Tiefe lastet schwer auf den Seelen der „Rifter“. So wurden in einem sehr speziellen Verfahren einige wenige ausgewählt – mit einem persönlichen Hintergrund, der sie in der „normalen“ Gesellschaft zu Außenseitern macht, sie aber (nach Ansicht der Firmenpsychologen) für die Arbeit unter solch extremen Bedingungen prädestiniert. Womit die Psychologen aber nicht gerechnet haben, ist die Tatsache, dass sich die „Rifter“ dort unten wohl fühlen…

„Abgrund“ spielt in der Tiefsee wo sie am interessantesten ist, in der Nähe von heißen unterseeischen Quellen. Peter Watts ist Meeresbiologe – aber leider nutzt er sein sicher vorhandenes Wissen kaum. Die Beschreibungen von Pflanzen und Tieren bleiben Beiwerk. Er richtet sein Augenmerk auf den Menschen in einer solch lebensfeindlichen Umgebung, allerdings finde ich seine psychologischen Ideen manchmal schwer nachvollziehbar. Dazu kommt, daß fast alles, was er hier ausbreitet in seinem Roman „Blindflug“ wieder auftaucht, allerdings sehr viel lesbarer. Multiple Persönlichkeiten, Vampire, künstliche Intelligenz – Themen, die in beiden Büchern vorkommen. Lediglich die Idee konkurrierender Ökosysteme, die in „Abgrund“ am Ende auftaucht, ist spannend und originell…

Fazit: „Abgrund“ ist ein nettes Buch, allerdings viel zu langatmig. Anfang und Ende bieten Spannung und das, was man von einem SF-Roman erwartet, nämlich die Faszination der Fremdartigkeit. Dazwischen plätschert es aber über weite Strecken nur so dahin. Immerhin ist es der erste Band einer Trilogie – vielleicht braucht die Geschichte all das Geplätschere, um später richtig in Schwung zu kommen. Eines kann man über Peter Watts ganz sicher lobend sagen: er ist von „Abgrund“ zu „Blindflug“ deutlich besser geworden!

Übrigens: die drei „Rifter“ – Romane und auch „Blindsight“ sind unter Creative Commons License frei verfügbar (natürlich nur in englisch)!

Sarah McLachlan: Possession (von Peter Watts im Nachwort als „Soundtrack“ zum Buch empfohlen)