Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten

Erscheint im Juli 2008 im Verlag Manhattan

Dr. Siri und seine TotenDarf ich vorstellen: Dr. Siri Padboun, Gerichtsmediziner der Demokratischen Volksrepublik Laos.

Gerichtsmediziner sind ja spätestens seit Quincy „in“ und erlebten dank Kay Scarpetta und Tempe Brennan eine Renaissance. All diese Figuren arbeiten mit modernsten Methoden an der Aufklärung von Todesfällen. Nun bringt Colin Cotterill einen neuen Protagonisten ins Spiel, einen, der ein klein wenig anders ist…

In seinem ersten Roman lernen wir Dr. Siri kennen, der nach der Revolution zum neuen Gerichtsmediziner  (dem einzigen in ganz Laos) ernannt worden ist – widerwillig. In der noch jungen Demokratischen Volksrepublik Laos hat er den Posten bekommen, weil er der einzige ist, der wenigstens fast geeignet ist. Immerhin ist er Arzt. Pathologe ist er aber nicht. (Tatsächlich hat er das Semester seines Studiums in dem es um Pathologie ging nur grade eben so bestanden – er hat lieber eine seiner Mitstudentinnen betrachtet.) Und mit der neuen kommunistischen Regierung hat er auch so seine Probleme, immerhin ist Siri schon 72 Jahre alt und nur bei den Kommunisten gelandet, weil er sonst nicht bei seiner Frau (oben erwähnter Mitstudentin) hätte landen können. Nun ist er also Pathologe, ganz ohne High-Tech (dafür mit zwei französischen Lehrbüchern von 1948) und mit Vorgesetzten, die es gerne sähen, wenn jeder Todesfall eine natürliche Ursache hätte. Denn – wie wir spätestens seit „Kind 44“ wissen, kann es im Kommunismus ja kein Verbrechen geben.

Alles in allem also eine wunderbare Ausgangssituation für einen Krimi der ungewöhnlichen Art. Zumal wenn sich Autor und Protagonist einen sehr erfreulichen, subversiven Humor teilen.

„Und, Doktor“ – der Pathologe stand mit dem Gesicht zur Tür – „was glauben Sie wohl, warum die demokratische Republik ihren Beamten gratis schwarze Qualitätsschuhe zur Verfügung stellt?“
Siri betrachtete seine zerschlissenen braunen Sandalen.
„Um den Chinesen Arbeit zuzuschustern?“
Richter Haeng senkte den Blick und schüttelte in Zeitlupe den Kopf. Diese Geste hatte er sich bei älteren Männern abgeschaut, und sie passte nicht zu ihm.
„Wir leben nicht mehr im Urwald, Genosse. Und wir hausen auch nicht mehr in Höhlen. Wir verlangen den Respekt der Massen, und unsere Kleidung spiegelt unseren Status in der neuen Gesellschaft wider. Zivilisierte Menschen tragen Schuhe. Die Genossen erwarten das von uns. Haben Sie mich verstanden?“ Er sprach jetzt langsam, wie eine Krankenschwester mit einem senilen Patienten.
Siri wandte sich zu ihm um, ohne sich die Demütigung anmerken zu lassen. „Ich glaube schon, Genosse. Aber ich finde, wenn das Proletariat mir schon die Füße küssen will, sollte ich ihm wenigstens ein paar Zehen bieten, um die es seine zarten Lippen schließen kann.“
Er riss die verklemmte Tür auf und ging hinaus.

12. Juni 2008 – Mein Fazit: Jawoll! Wunderbar! Verschlungen habe ich dieses Buch. Ein toller Krimi für Leute, die keine Krimis mögen. Wahrscheinlich ist der eigentliche Kriminalfall für Profis in dem Genre etwas zu leicht zu durchschauen, aber das wird mehr als wett gemacht durch den einzigartigen Protagonisten Dr. Siri und die liebevolle Schilderung einer exotischen und sehr sympathischen Kultur. Wenn es den Tatsachen entspricht, dann ist die laotische Art mit dem Kommunismus umzugehen wirklich beneidenswert.

Hervorragende Urlaubslektüre, ich freue mich schon auf die folgenden Bände!

Ein Gedanke zu “Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten”

  1. Oh, fein: Endlich eine neue Sorte Gerichtsmedizin-Geschichte – diese High-Tech-Schmonzetten langweilen mich nämlich schon. Also, auf zu Hugendubel und dann „back to the roots“!
    Danke für den Tipp.

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