Orlando Figes: Die Flüsterer

In „Die Flüsterer“ untersucht der Historiker Orlando Figes die Auswirkungen des stalinistischen Systems auf den ganz normalen Sowjetbürger. Exemplarisch anhand einiger Familien über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten, von der Revolution 1917 bis über den Tod Stalins 1953 hinaus.

Wie es im Klappentext steht, geht es um „die Auswirkungen des Regimes auf das Privat- und Familienleben der Menschen“, die bisher noch nicht untersucht wurden. Figes rekonstruiert „das moralische Gespinst, in dem sich die allermeisten Russen gefangen sahen: Eine einzige falsche Bewegung konnte eine Familie zerstören oder am Ende womöglich deren Rettung bedeuten. Keiner konnte sich sicher fühlen, nicht einmal die überzeugtesten Anhänger des Regimes. Wahrheit und Wahn, Schuld und Unschuld waren in diesem Unterdrückungssystem immer wieder auf fatale Weise miteinander verquickt.“

Gerade wenn man sich fragt, wieviel Wahrheit zum Beispiel in Tom Rob Smiths „Kind 44“ steckt, findet man hier eine erschreckende Fülle historischer Fakten, die den Leser schaudern lässt. Figes hat ein Sachuch geschrieben, das eine finstere Epoche erlebbar macht. Trotz Umfang (1040 Seiten) und Preis (34 Euro) sehr zu empfehlen.

Nachtrag: „Die Flüsterer“ ist ein wahrhaft gewaltiges Buch, aus dem man sich eigentlich nur Krümel herauspicken kann. Einer dieser Krümel ist zum Beispiel die Ähnlichkeit der frühen bolschewistischen Ideale in Bezug auf die „Einfachheit des Lebens“ mit der Sehnsucht vieler „moderner“ Menschen nach Askese – die sie dann in Esoterik oder Religion zu finden hoffen. Die Bolschewiki der ersten Stunde, direkt nach der Revolution von 1917 versuchten ihr Leben so schlicht wie möglich zu gestalten, da äusserer Luxus von inneren Idealen ablenke. Das fand ich absolut faszinierend.