Wie die Welt noch einmal davonkam

Wenn Sie das hier lesen können, dann ist es entweder
a.) gutgegangen oder
b.) die ganze Sache wird noch vertuscht.
Was, fragen Sie? Na, das Ende der Welt. Vorgestern, am 10. September 2008, ist am CERN der Large Hadron Collider (LHC) angeworfen worden, der grösste Teilchenbeschleuniger der Welt. (Für alle, die einen Teilchenbeschleuniger für eine schnellere Methode der Backwaren-Auslieferung halten, verweise ich hier auf wikipedia.) Im Vorfeld des Experiments, mit dem die Existenz des bisher nur theoretisch formulierten Higgs-Feldes nachgewiesen werden sollte, hat es einige besorgte Stimmen gegeben. Wissenschaftler sprachen von der Möglichkeit, dass mikroskopisch kleine Schwarze Löcher entstehen könnten, die im Lauf der nächsten Jahre unsere Erde (und dann noch mehr – aber das kümmert uns dann eher nicht mehr) verschlucken könnten. Ein paar russische Forscher haben einen Aufsatz veröffentlicht, der sich mit der Idee beschäftigt, dass sich im LHC Wurmlöcher bilden könnten…

The wormholes contain small spacetime regions with closed timelike curves (CTC) which violate the standard causality condition.
(I.Ya. Aref’eva, I.V. Volovich)

Interessant ist, dass diese durchaus nicht völlig abwegige Möglichkeit des Weltuntergangs recht wenig Besorgnis ausgelöst hat. Jeder Castor-Transport durch Deutschland wird erbitterter bekämpft. Das hängt sicher damit zusammen, dass den allermeisten Menschen (mich eingeschlossen!) einfach das Wissen fehlt um die Gefahren des CERN-Experiments einschätzen zu können. Aber um ehrlich zu sein bin ich auch in Nukleartechnik keine grosse Leuchte. Und ich vermute mal, die meisten Castor-Gegner sind es auch nicht. Da hat sich aber die Meinung durchgesetzt, dass Atommüll immer eine Gefahr darstellt, egal wie gut er verpackt ist. Schwarze Löcher sind da wohl weniger „negativ besetzt“…

Diese ganze Geschichte hat mich aber an eine andere Geschichte erinnert, eine sehr viel schönere,  wenn es dabei auch um den Weltuntergang geht. Und da der Autor der Geschichte, Stanislaw Lem, heute, am 12.9.2008, 87 Jahre alt würde, ist das doch eine prima Gelegenheit…

Die Geschichte heisst: „Wie die Welt noch einmal davonkam“ und ist die erste Erzählung aus dem Zyklus um Trurl und Klapauzius, zwei Konstrukteure (beide Roboter, denn Lems Universum in diesen Geschichten wird nur von – mehr oder weniger – denkenden Maschinen bevölkert). Trurl und Klapauzius sind Freunde und Konkurrenten, die einander nichts gönnen. Hat der Eine eine Erfindung gemacht, versucht der Andere sie entweder schlecht zu machen oder gar zu sabotieren. Dennoch können beide natürlich nicht ohne einander… Die Geschichten der „Kyberiade“ erinnern mich an meine frühen Erfahrungen mit „1001 Nacht“, ein völlig neuer Kosmos mit ungeahnten Möglichkeiten. Dabei sprachlich brillant (und das auch in der deutschen Ausgabe!) und ausserordentlich unterhaltsam.

In „Wie die Welt noch einmal davonkam“ baut Trurl eine Maschine, die alles erschaffen kann, was mit dem Buchstaben „N“ beginnt. Er testet sie ausgiebig:

…indem er ihr befahl, Nähgarn, Nadelstreifen und Negligés herzustellen, was sie auch tat; sodann liess er sie das ganze auf Nangkingseide und an eine nasse Nargileh, gefüllt mit Novocain, Nelken und Nieswurz nageln. Sie erledigte den Auftrag bis aufs I-Tüpfelchen.

Nachdem er zufrieden ist, präsentiert er die Maschine Klapauzius, der natürlich skeptisch ist und der Maschine befiehlt, Naturwissenschaften herzustellen (sie produziert emsig sich streitende Wissenschaftler, mit auf Scheiterhaufen brennenden Märtyrern der Naturwissenschaft und „seltsam pilzförmigen Rauchwolken“), dann Negativa (die Maschine beginnt mit der Produktion einer Gegenwelt aus Antiprotonen und Antielektronen). Schliesslich eine letzte Aufgabe:

…Aber hier ist der dritte Befehl: Maschine, schaffe Nichts!“
Die Maschine erstarrte und rührte sich nicht. Klapauzius rieb sich triumphierend die Hände, aber Trurl sagte: „Was willst du eigentlich? Hast du etwas anderes erwartet? Du hast ihr befohlen nichts zu schaffen, also schafft sie nichts.“
„Das stimmt nicht. Ich habe ihr befohlen Nichts zu schaffen, und das ist etwas anderes.“
„Was soll das? Nichts ist nichts, da gibt es keinen Unterschied.“
„Wo denkst du hin? Sie sollte Nichts machen, statt dessen hat sie nichts gemacht, also habe ich gewonnen. Denn Nichts, mein neunmalkluger Kollege, ist nicht dein Feld-Wald-und-Wiesen-Nichts, das Resultat von Trägheit und Inaktivität, sondern es ist das dynamische und aggressive Nichts, sozusagen die vollkommene, einzigartige, allgegenwärtige Nichtexistenz in ihrer höchsten Vollendung!!“

Die Maschine allerdings schafft wirklich Nichts. Nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach. Der Einfachheit halber beginnt sie mit den Dingen die mit „N“ anfangen:

Für immer beseitigt waren bereits die Nacktigallen, Naseweischen, Nautiliaden, Nettressen, Nonnenblumen, Nonstopfüßler und Nuckelspechte. Zeitweise hatte es den Anschein als addiere sie, statt zu reduzieren und zu subtrahieren, denn sie beseitigte der Reihe nach: Niedertracht, Nonkonformismus, Nonsens, Nausea, Nekrophilie und Nepotismus. Nach einiger Zeit wurde die Welt um Trurl und Klapauzius zusehens leerer und ärmer.

Zwar gelingt es den beiden Konstrukteuren noch, die Maschine zu stoppen, doch:

…, muß man ernstlich befürchten, daß es so wunderbare Wesen wie Kamikätzchen und Phantolemchen nie wieder geben wird – nein, bis ans Ende aller Tage nicht.

Eine wunderbare Geschichte, die erste aus dem Band „Wie die Welt noch einmal davonkam – Der Kyberiade erster Teil“. Der zweite Teil heisst „Altruizin“ und hat nicht mehr ganz den Charme des ersten Bandes. Aber wer sich für phantasievolle Geschichten erwärmen kann, der sollte sich dieses Buch zulegen. Leider nur noch antiquarisch zu haben.

Sieht übrigens jemand die Parallelen?

Foto: Public Domain, Cover: Suhrkamp Verlag