Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen

Wir ErtrunkenenCarsten Jensen ist in Dänemark ein erfolgreicher Autor, „Vi, De Druknede“ bereits sein dritter Roman. Nun sollen wir ihn auch in Deutschland kennen lernen. Das vorweg: es lohnt sich! Ein ganz erstaunliches Buch legt der Verlag Knaus da vor, teils historischer Roman, teils Seefahrts-Abenteuer in altem Stil, aber mehr noch ein Buch über das Leben und das Sterben. Besonders das Sterben auf See…

In vier Teile ist der Roman gegliedert, Teil I erzählt die Geschichte von Laurids Madsen aus Marstal (wo auch Jensen aufwuchs) und die seines Sohnes Albert.

Laurids ist Seemann – so wie es alle in seiner Stadt sind. Mehrfach hat er schon Schiffbruch erlitten, wurde immer gerettet, einmal von einer amerikanischen Brigg. Dort begeisterte er sich für die Amerikaner und spricht seither – mehr oder weniger – englisch. So nennen ihn seine Kinder denn auch papa tru. Laurids ist ein verwegener Bursche, ein Spassvogel. Darum macht er sich auch keine großen Sorgen, als er und seine Freunde eingezogen werden, um im ersten dänisch-deutschen Krieg zu kämpfen. Laurids wird zum Dienst auf der „Christian VIII.“ eingeteilt, dem Stolz der dänischen Flotte. Der Angriff auf „den Deutschen“ gerät zum (eindrucksvoll geschilderten) Debakel, die „Christian VIII.“ wird versenkt. Laurids überlebt, doch er ist verändert, heuert später auf einem Schiff an, das nach Australien fährt – und verschwindet.

<<Laurids hat den Arsch des heiligen Petrus gesehen. Er flog zum Himmel und stand an der Pforte zum Paradies. Aber er kam wieder zurück und sein Verstand hatte sicher Schaden genommen. Niemandem tut es gut, auf der Schwelle des Todes zu stehen und dann umzudrehen>>, sagte Lille Clausen.

Von seinen drei Söhnen gerät nur der jüngste, Albert, nach Laurids. Wir begleiten ihn durch seine Schulzeit und lernen den sadistischen Lehrer Isager kennen, dessen einzige Qualifikation es ist, daß ihm zwei dänische Könige auf die Schulter geklopft haben. „Der Tampen“ ist ein sehr bedrückendes Kapitel. Als Albert erwachsen ist, wird auch er Seemann und begibt sich auf die Suche nach seinem papa tru…
Bemerkenswert: es wird immer aus der „Wir“-Perspektive erzählt – aber „wir“ ist nie eine besondere Person. Anfangs einer der Freunde von Laurids, die mit ihm in den Krieg ziehen müssen, werden wir kurz eine der Nachbarinnen, die Laurids‘ Frau in den Witwenstand einführen. Dann gehören wir zu Alberts Schulkameraden, die mit ihm gemeinsam den Grausamkeiten ihres Lehrers ausgesetzt sind, um uns schließlich von Albert die Suche nach seinem Vater schildern zu lassen. Durch diese Art des Erzählens entsteht immer ein Gefühl des Dazugehörens, eine beeindruckende Unmittelbarkeit.

Der zweite Teil macht mir mehr Kopfzerbrechen als der erste. Nicht weil er weniger gut zu lesen wäre, das sicher nicht. Aber es wird schwer, etwas darüber zu schreiben, ohne zu viel zu verraten…
Viel Zeit ist vergangen, seit wir Albert zuletzt begegneten. Er ist nun ein alter Mann, hat sich in Marstal niedergelassen und ist angesehen, wohlhabend und mächtig geworden. Eine Familie hat er nicht – die Stadt ist seine Familie, sie fördert er so gut er kann.
Doch dann, am Vorabend des 1. Weltkriegs beginnen seine Träume – Visionen, die dazu führen, daß er sich mehr und mehr isoliert und bald schon als Sonderling gilt. Erst die Freundschaft zu einem Jungen gibt ihm die Chance, die Isolation zu durchbrechen. Für beide – Albert und den Jungen – beginnt eine wunderschöne Zeit. Einen Großvater wie Albert, das wünscht sich wohl jeder Junge. Einen Großvater, der ihm Geschichten von fernen Orten erzählt, der ihm Rudern und Fischen beibringt und der ihn wirklich ernst nimmt.

Überall, wo sie hinkamen, gab es Schiffskisten voller merkwürdiger Dinge. Es gab Haifischgebisse, Igelfische und die Säge eines Sägerochens, eine Hummerschere aus der Barentsee von der Größe eines Pferdeschädels, vergiftete Pfeile, Lavabrocken und Korallen, ein Antilopenfell aus Nubien, Krummsäbel aus Westafrika, eine Harpune aus Feuerland, Kalabassen aus Rio Hash, einen Bumerang aus Australien, eine Reitpeitsche aus Brasilien, Opiumpfeifen, ein Gürteltier aus La Plata und ausgestopfte Alligatoren.

Aber leider ist auch Albert nicht unsterblich…

Viel mehr steckt noch in diesem zweiten Teil, doch das will ich nicht verraten. Der 1. Weltkrieg ist ein Wendepunkt in der Geschichte Marstals (obwohl Dänemark neutral blieb) – und es ist die Geschichte Marstals, die Jensen erzählt, exemplarisch anhand einiger Personen. Marstal, das ist auch das „Wir“ in der Erzählung, es ist das kollektive Gedächtnis der Stadt. Aber auch wenn der Autor die Geschichte einer Stadt erzählt, sind es doch die kleinen Geschichten, die faszinieren. Die von der Negerhand des Josef Isager. Von Hermann Jepsen. Von Albert und Cheng Sumei. Von Klara Friis. Und von all den anderen…

Über den dritten und vierten Teil will ich hier nichts schreiben, denn das ginge nicht, ohne viel von der Spannung zu nehmen. Nur um Appetit zu machen: der Schrumpfkopf von James Cook taucht wieder auf, Jungen werden erwachsen, es geht um Liebe und Tod und das Überleben im Krieg. Und ganz am Ende steht die Hoffnung auf einen neuen Anfang und eine bessere Zukunft. Wunderschön.

„Wir Ertrunkenen“ von Carsten Jensen ist ein grosser, epischer Roman, ein Buch, das man nicht einfach „wegliest“. Es bleibt im Kopf des Lesers und beschäftigt ihn. Mir ganz besonders hat Albert gefallen, aber auch sein junger Freund Knud-Erik ist eine wunderbare Figur. Solche wunderbaren Figuren gibt es viele in diesem Roman, gute und böse, alle mit viel Liebe gezeichnet. Von mir aus eine absolute Leseempfehlung. Macht sich gut unter jedem Weihnachtsbaum!

Bilder: Buch-Cover © Knaus-Verlag; Carsten Jensen von Lars Eivind Bones

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