Richard K. Breuer: Die Liebesnacht des Dichters Tiret

Manchmal kriegt man ja Bücher in die Finger, ganz unerwartet und unverhofft, die einfach toll sind. So ging mir das vor ein paar Wochen, als der Wiener Autor Richard K. Breuer mir eine e-mail schrieb und anfragte, ob ich vielleicht Interesse an Leseexemplaren seiner beiden Romane hätte. Auf Breuers Internetseite www.1668.cc kann man sich Leseproben der beiden Bücher ansehen: neben Tiret ist es „Rotkäppchen 2069“. Mir gefiel, was ich dort las – und einige Tage später hielt ich beide Bücher in Händen. (Vielen Dank!)

Tiret ist ein historischer Roman im besten Sinne – er spielt nicht einfach nur „damals“, sondern bringt uns Geschichte näher. Die Geschichte der französischen Revolution nämlich.

In diesem ersten Band lernen wir den polnischen Gelehrten Mickiewicz kennen, der in den Strudel der Ereignisse seiner Zeit gerät – ein mysteriöser Marquis nimmt sich seiner an, als der in Liebesdingen unerfahrene Gelehrte überstürzt seinen Wohnsitz verlassen muss. Mit Marquis d’Angélique reist er in Richtung Paris, trifft historische Personen wie Mirabeau oder Baron von Dietrich. So erfährt Mickiewicz (und wir mit ihm) viel über das Frankreich unmittelbar vor der Revolution.

Spannend ist das geschrieben, auch wenn Breuer ohne die üblichen Action-Einlagen auskommt. Die Spannung entsteht mehr aus dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ideen und Vorstellungen. Manchem mag es zu dialoglastig sein – mir hat der ruhige, nachdenkliche Stil gut gefallen. Ich hatte das Gefühl, etwas authentisches zu lesen, ein Zeitdokument. Gewürzt ab und an mit ein wenig feiner Ironie, garniert mit einem Hauch Liebe, gar Erotik, und einer Prise Intrige.

…Mickiewicz erstarrt. Während er mit hundert und einer Frage ringt, entsteigt der Marquis dem Kasten, stellt sich vor Mickiewicz und beginnt sich abzuputzen.
„Ich möchte euch nicht unnötig erschrecken, aber in diesem Möbel dürften wohl die Motten das Licht anziehen. Es wär ein Wunder, wenn ich diese Biester alle losgeworden bin. Hier fehlt es an Lavendel. Die Dienerschaft ist nachlässig. Nicht auszudenken, wenn der hohe Gast mit einem löchrigen Gilet zur Tafel käme. Herr Mickiewicz? Ihr stellt euch vermutlich gerade hundert und eine Frage, aber, wenn Ihr meinen Rat hören wollt, nun, dann ist es jener, dass es dem Mann nun einmal nicht bestimmt ist, ein Frauenzimmer zu verstehen…

Ein wirklich grossartiges Buch, intelligent, unterhaltsam und auch noch schön! Auch typographisch hat sich Herr Breuer Mühe gegeben. (Man sehe sich nur mal das Inhaltsverzeichnis in der Leseprobe an.)

Ich freue mich schon auf Teil II: „Das Erwachen des Bürgers Brouillé”. Erscheint hoffentlich bald!

Nachtrag (11.10.08): Dazu schreibt Breuer aktuell folgendes:

Vor mir liegen etwa hundertzehn ausgedruckte A4 Seiten. Was in etwa 220 Taschenbuchseiten  ausmachen würde (ohne Anhang und sonstigen Firlefanz). Der zweite Band ist demnach ein bisschen umfangreicher  als der erste und kann mit einer Überraschung aufwarten: Vom guten Mickiewicz und dem Marquis fehlt nämlich jede Spur. Die tauchen erst wieder in Tiret³ aus der Versenkung auf – dafür gehen sie ab, wie eine Rakete (und das wohl im wahrsten Sinne des Wortes). Der dritte Band bringt es in der Version 0.30 auf  beinah 170 Seiten. Es können also gut und gerne 200 werden. Was wiederum die Frage aufwirft, ob man nicht auch diesen teilt. Aber kommt Zeit, kommt Rat.

Der anfänglich gedachte Titel Das Erwachen des Bürgers Brouillé passt zwar für Tiret³, aber nicht für Tiret², will heißen, es gibt einen neuen Arbeitstitel, der da lautet: Die Entführung des Fräulein Madeleine. Ja, ja.

12 Gedanken zu “Richard K. Breuer: Die Liebesnacht des Dichters Tiret”

  1. Jetzt komm ich erst hinterher mit dem Breuer… In den frühen 90ern war ich Fan von einem gewissen Thomas C. Breuer, der irgendwie verloren gegangen ist. Bei Maro war der, sowieso einer der verdientesten Verlage, und freunschaftlich und künstlerisch mit Thommie Bayer verbunden. „Sekt in der Wasserleitung“ weiß ich noch, und darin eine Geschichte mit dem Kniff, ihren letzten Satz als Überschrift zu verwenden („Ringo schon“).

    Was dem anderen Breuer-mit-Mittelinitial keinen Abbruch tun soll; vielmehr scheint es, man sollte sich ernstlich für den interessieren.

  2. Bei denen war ich schon bis ins Vorstellungsgespräch für ein Praktikum gediehen (schöner Betrieb, der seine Independent-Kapriolen durch die Druckerei finanziert!) und wär dafür von München nach Augsburg gependelt. Bis heute ein Rätsel, warum die mich nicht wollten, grmbl.

  3. Freut mich, daß du von Breuer was hier vorstellst. Habe ihn mal flüchtig an anderer Stelle im i-net kennengelernt… und damals auch einen Blick in „Rotkäppchen“ tun dürfen..

  4. Jetzt ist mir eine Wiener Krimi-Komödie dazwischengekommen, die (hopefully) demnächst das Licht der Welt erblicken wird. Falls es so weit ist, geb ich Bescheid. Vielleicht magst es ja auch rezensieren.

  5. „Schwarzkopf“, ja? Krimi-Komödie klingt ja gut – aber, ob ich das auch verstehe? Kommt denn ein Glossar der wienerischen Ausdrücke rein? Oder muss der unkundige Leser sich das irgendwo zusammensuchen?
    Egal, rezensieren werd‘ ich es gerne, wenn es soweit ist…
    Was mich daran erinnert, dass ja noch immer eine Besprechung von „Rotkäppchen 2069“ aussteht, nicht wahr?

  6. Stimmt, ist die „Schwarzkopf“-Krimikomödie.

    Wenn du dich beeilst, mit der Rezi zu „Ro2069“ und wenn sie
    gut ist, druck ich ein paar Zeilen im neuen Buch ab – ich mache dort nämlich eine Seite mit „Werbung in eigener Sache“ und zitiere aus allfälligen Rezensionen – auch von den bösen😉

    Tja, Glossar wird’s keines im Buch geben – eventuell erstelle ich es virtuell und jeder kann es sich als pdf runterladen, ausdrucken und zur Seite legen – dann hätte das Buch sogar noch schulischen Charakter. Amüsiert mich. Ja, ja.

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