Andrew Keen: Die Stunde der Stümper

Ich habe lange überlegt, ob ich etwas zu diesem Buch schreiben soll. Aus mehreren Gründen:
1.) Schon als ich den Klappentext gelesen habe, wusste ich: „Das magst du nicht!“
2.) Nach hundert Seiten war ich immer noch der gleichen Meinung und
3.) weiter mag ich nicht lesen!

Nun ist es ja schlechter Stil, ein Buch schlecht zu besprechen, von dem man nur die ersten 100 Seiten gelesen hat. Aber hier habe ich nach diesen 100 Seiten sehr stark das Gefühl, dass nichts Neues mehr kommen wird. Keen wiederholt immer wieder seine Grundidee: das „nutzergenerierte Inhalte“ im Internet (also das „Web 2.0“) zum Ende unserer Kultur führen…

Vorne angefangen: Andrew Keen gehörte mit zu den Profiteuren des ersten Internet-Booms in den 90er Jahren (mit seiner – nicht mehr aktiven – Webseite Audiocafe.com). Allerdings wurde ihm im Laufe der Zeit klar, dass sich das Internet in die – seiner Meinung nach – falsche Richtung entwickelte. Jetzt gehört er zu den „Mahnern“ gegen die schädlichen Einflüsse des Web 2.0.

Das tut er mit seinem Buch „Die Stunde der Stümper“ kund. Schreibt gegen die „Amateure“, die seiner Ansicht nach zum Untergang des Abendlandes beitragen. Das heisst, in unserer Welt, in der jeder seine Meinung ungefiltert verbreiten kann – durch Blogs, Videoportale wie Youtube und auch Veröffentlichungsplattformen wie z.B. BoD – finden die Stimmen der Menschen, die durch Ausbildung und Erfahrung „Profis“ in ihrem Bereich sind, nicht mehr genug Gehör. „Wahre“ Künstler gehen in der Flut der „Amateur“-Künstler unter. „Echten“ Journalisten wird nicht mehr so viel Glauben geschenkt wie früher – denn es gibt ja nun so viel mehr Informationsquellen.

Beispiele führt Keen auch an – das prägnanteste ist meiner Meinung nach „Loose Change“ und der 11. September 2001. Da vertritt Keen ganz klar die Meinung, dass es doch eigentlich keinen Zweifel daran geben könne, wer hier recht hat: die „offizielle“ Seite, die jahrelang mit grossem Budget die Angriffe untersucht hat und deren Ergebnisse von namhaften Experten bestätigt wurden. Den Machern von „Loose Change“ spricht er mehr oder weniger das Recht ab, ihre Meinung zu verbreiten, da sie in der Masse einen falschen Eindruck erweckt. Das finde ich ganz schön einseitig. Das Schöne am Web 2.0 ist ja gerade, dass auch „andere“ Meinungen Gehör finden können. Aber Keen macht den Eindruck, dass er recht obrigskeitsgläubig ist.

Ein anderer Intimfeind von Keen scheint wikipedia zu sein. Gleiches Schema: wie kann es sein, dass ein Automechaniker einen Eintrag über Kernfusion ändern kann (und darf), den ein Kernphysiker verfasst hat. Nur Experten dürfen ihr Wissen weitergeben, alle anderen sollen sich da heraus halten. Sicher sollte man wikipedia nicht zum Mass aller Dinge machen – gerade bei wichtigen Themen sollte man immer andere Quellen konsultieren. Aber das versteht sich doch eigentlich von selbst, oder? Für den Alltagsgebrauch ist wikipedia ein wunderbares Werkzeug – gerade auch weil man Fehler ausmerzen kann.

Meine persönliche Meinung: von der Grundidee her ein durchaus lesenswertes und bedenkenswertes Buch, leider langweilig und voreingenommen geschrieben. Und – wie ich finde – mit völlig falschen Schlussfolgerungen. Ausser in einer Sache: das Web 2.0 wird zum Ende unserer Kultur führen. Genau wie der Buchdruck, das Radio, das Fernsehen zum Ende der Kultur führten. Und zum Beginn einer neuen Kultur.

Ein Gedanke zu “Andrew Keen: Die Stunde der Stümper”

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