Happy Birthday, Johnny!

„We see things not as they are but as we are.“

John Milton: Paradise Lost (Buch XI, Vers 414)

John Milton
John Milton

Vor 400 Jahren, am 9. Dezember 1608, wurde John Milton geboren. „John Milton?“ fragen Sie. Genau, John Milton, Autor von Paradise Lost (Das verlorene Paradies). Schon mal gehört, oder? Und wenn Sie jetzt mal googeln, dann finden Sie: Al Pacino als Teufel namens John Milton im Film Im Auftrag des Teufels, Sie finden vielleicht einen Verweis auf Salman Rushdies Buch Die satanischen Verse, auf den Originaltitel von Philip Pullmans Der goldene Kompass: His Dark Materials – ein Zitat aus Paradise Lost, vielleicht auch die Justice League of America Miniserie Paradise Lost, in der Superman & Co. gegen rebellische Engel antreten müssen. Sie sehen: eine gewisse Aktualität ist dem Werk nicht abzusprechen. Und es ist sogar ein Film in Planung…

Und Sie finden natürlich auch diesen alten Schriftsteller, dessen Werk heute wohl kaum jemand wirklich noch liest. Immerhin ist Paradise Lost ein Epos von mehr als 10000 Versen, das liest man nicht mal so nebenher.

Berühmt geworden ist Paradise Lost vor allem durch den Umstand, dass hier die Geschichte von Satans Auflehnung gegen Gott erzählt wird – und dabei ein Satan präsentiert wird, der so redegewandt und überzeugend ist, dass viele ihn für den Helden der Geschichte halten und gehalten haben. So zum Beispiel der Maler William Blake, der über Milton sagte, er sei „of the Devil’s party without knowing it“. Diese angebliche Verherrlichung Satans macht sicher viel von dem Reiz aus, der vom dem Werk ausgeht. Dabei ist Satan auch in Paradise Lost nur ein Lügner und Blender, ein Demagoge, der sich damit brüstet, die Welt, die Gott in sechs Tagen schuf in einem einzigen Tag ins Chaos gestürzt zu haben (Buch IX, Vers 135-143). Und der am Ende besiegt wird und das Paradies verliert…
Aber aus einem Mammutwerk wie diesem kann sich halt jeder nehmen, was er will: We see things not as they are but as we are.

milton_paradiseWenn Sie es mal lesen möchten: gegen meine Gewohnheit empfehle ich hier eine Ausgabe, die im regulären Buchhandel nicht erhältlich ist, nämlich die von Zweitausendeins. Zweisprachig, enthält neben Paradise Lost auch Paradise Regained, einige Gedichte und auch die Verteidigung der Pressefreiheit in Areopagitica. Und ist auch noch günstig.

Das kann ich guten Gewissens empfehlen weil es a.) wirklich gut ist (ich hab’s selbst) und b.) sowieso kein Buchhändler sowas vorrätig haben dürfte. Die wenigsten werden überhaupt wissen, dass John Milton 400 wird. Probieren Sie’s doch spasseshalber mal aus: Gehen Sie in die Buchhandlung Ihres Vertrauens und fragen Sie ganz unschuldig: „Da hat doch jetzt so ein alter englischer Dichter Geburtstag, ich komm grad nicht auf den Namen… Wissen Sie’s?“
Ich bin jetzt seit 18 Jahren im Buchhandel. Mich hat noch NIE jemand nach Milton gefragt. Dabei wüsste ich es doch!