Neal Stephenson: Anathem (1)

anathemEs gibt Bücher die so grossartig sind, dass man nichts anderes mehr lesen, hören, sehen oder machen möchte. Anathem von Neal Stephenson ist ein solches Buch. Feiertage haben mir leider bisher zu wenig Zeit gelassen, mich so zu vertiefen, wie ich’s gern getan hätte. Bislang erst bis Seite 130 gekommen, kann ich soviel schon sagen: fantastisch!

„Anathem“ spielt in einer Welt, die nicht unsere ist, ihr aber doch in vielen Dingen sehr ähnlich ist. Diese Welt, Arbre, besteht aus zwei (meistens) streng getrennten Gesellschaften: die Saeculars und die Avout. Während die Saeculars ganz normal leben, Erfindungen machen, Kriege führen – und ihre Zivilisation auf- und wieder absteigt, leben die Avout in etwas, was am ehesten an Klöster erinnert. Sie tragen Kutten und Sandalen, reden sich mit Fraa und Suur an und ihr Leben wird durch Glockengeläut strukturiert. Grundlegender Unterschied zu Mönchen wie wir sie kennen: Gott spielt hier keine Rolle – es sei denn, man bezeichnet reine Wissenschaft als Gott. Die Avout in Stephensons „Anathem“ sind theoretische Wissenschaftler, die nach mathematischen Beweisen und endgültigen Wahrheiten suchen. Theorics nennen sie sich, im Gegensatz zu den Praxics früherer Zeiten. Diese Unterscheidung ist lebenswichtig, denn die praktischen Anwendung des erworbenen Wissens hat mehr als einmal fast zur Auslöschung der Avout geführt. Auslöschung durch die Saeculars.
Das wirklich faszinierende an dieser Welt ist ihre Kontinuität. Die Avout blicken auf nahezu 4000 Jahre Geschichte nach der Reconstitution zurück, zu diesem Zeitpunkt wurde das System der Maths eingeführt, das noch immer gilt. Und vor diesem „Jahr 0“ reicht das Wissen der Avout noch weiter zurück, rund 2500 Jahre! In diesen langen Jahren haben sie Auf- und Abstieg der Zivilisation um sich herum beobachtet, mal standen Wolkenkratzer neben ihrem Kloster, dann wurde die Stadt wieder auf eine Kanonenstellung reduziert. Der Blickwinkel, der sich aus dieser Position ergibt ist atemberaubend.

Das alles muss (darf!) sich der Leser selbst erarbeiten. Es ist nicht ganz leicht. Stephenson verwendet eine Menge Begriffe, die es entweder so nicht gibt oder die er für seine Zwecke ummünzt. Vieles leiht er sich aus anderen Sprachen, z.B. italienisch, französisch, deutsch. („Anathem“ ist bisher nur in englischer Sprache erhältlich. /Edit: kommt aber im Januar 2010 auf deutsch!/) Die Anrede Fraa zum Beispiel erinnert sehr an das italienische „Fra“ – und damit verbindet jeder Leser wohl bestimmte Assoziationen, gleiches gilt zum Beispiel auch für den Begriff Mynster (für das Hauptgebäude des „Klosters“) – diese Assoziationen führen aber manchmal in die Irre…

Auf Seite 130 hat die eigentliche Handlung noch kaum begonnen, der Leser beginnt erst zu ahnen, wie komplex die Welt von „Anathem“ ist. Man muss einen langen Atem mitbringen, um dieses Buch zu mögen. Wer aber diese Herausforderung nicht scheut, der wird mit einer fiktiven Welt voller Wunder belohnt!

P.S.: Überhaupt erst aufmerksam geworden auf das Buch bin ich durch Hape42! Danke!

Zweiter Teil der Besprechung hier: Anathem (2)

3 Gedanken zu “Neal Stephenson: Anathem (1)”

  1. Und? Wie ist das english?
    ich trau mich da nicht ran, befürchte, mir geht mangels Englishkenntnisse zuviel verloren…

  2. Eigentlich liest sich das ganz gut. Enthält halt sehr viele nicht-alltägliche Begriffe und (zumindest bisher) eine Menge architektonischer Fachbegriffe. Die man aber nicht alle nachschlagen muss. Wenn das mal für anderes als die Atmosphäre wichtig wird, kann man noch immer das Wörterbuch zu Rate ziehen. Ist sprachlich nicht unbedingt anspruchsvoller als „Snow Crash“ – von den Ideen her aber schon.
    Meine Befürchtung ist, dass in einer deutschen Übersetzung zuviel verloren gehen könnte…

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