J. Needle / P. Benson: Herman Melvilles „Moby-Dick“

needle-moby-dickFans von „Moby-Dick“ sind ja grundsätzlich zurückhaltend, was „Jugendausgaben“ ihres Lieblings angeht. Zu recht, denn häufig sind diese Ausgaben lieblos zusammengestrichene Versionen, die vom Charme des ursprünglichen Buchs nichts mehr spüren lassen. Umso erfreulicher, wenn einem dann eine Ausgabe in die Hände fällt, der es gelingt, ein breites Lächeln ins Gesicht zu zaubern…
Im Verlag Sauerländer (Patmos-Gruppe) erschienen, fällt der Band schon äusserlich auf: fast quadratisch (24 x 28 cm), fest eingebunden und mit einem wunderschönen Cover. Ein Bilderbuch? Beinahe…
Ein Blick ins Buch bestätigt den guten ersten Eindruck. Ausdrucksstarke Zeichnungen (von Patrick Benson), teilweise farbige Doppelseiten, jedes Kapitel beginnt mit einer schönen Vignette. Der Text ist stellenweise dünn, dann wieder fetter gedruckt. Warum? Der fettgedruckte ist Original-Melville (etwas gekürzt, folgt der Mummendey-Übersetzung), der dünngedruckte Teil ist vom Autor Jan Needle. In dessen Passagen wird die Geschichte weitererzählt, wir erhalten Hintergrundinformationen und teilweise sogar schon Deutungen. Durch diesen Kunstgriff wird (wenigstens zum Teil) die Sprachgewalt Melvilles erhalten und dennoch das Buch auf eine jungen Lesern zumutbare Länge gebracht. Ausserdem wird dem jungen Publikum einiges erläutert, was sonst einfach unverständlich wäre. (Zusätzlich gibt es im Anhang noch ein Glossar, das viele seemännische und andere Begriffe erklärt).

„…An ihrem erwürdigen Ruder verschmähte sie ein Steuerrad und hatte statt dessen eine Pinne, und diese war in einem Stück aus dem langen, schmalen Unterkiefer ihres Erbfeindes geschnitzt. Ein edles Fahrzeug, aber irgendwie höchst schwermütig. Alle edlen Dinge tragen einen Anflug von Schwermut.
~ Ismael verschweigt uns, dass Pequod (oder Pequot) der Name eines hundert Jahre zuvor ausgerotteten Indianerstamms ist; der Name Pequod erinnert also an Tod und Sterben. Der Bereich, wo der Steuermann arbeitet, wird als >>ehrwürdig<< beschrieben, doch die Ruderpinne besteht aus einem Walunterkiefer. Das Schiff ist aufgeputzt mit Trophäen von abgeschlachteten Walen, es ist >>barbarisch<< und ein >>Kannibale<<. ~ Ismaels düstere Vorahnungen nehmen zu, als er zwei seltsame alte Männer trifft, denen das Schiff gehört. Beide sind Quäker und waren früher Kapitäne. Sie heissen Peleg und Bildad, und sie versuchen ihn geschickt zu beschwindeln, damit er sich beim Anheuern auf der Pequod mit viel weniger begnügt, als er erwartet (und als ihm zusteht). ~ Ismael wusste schon, dass man bei den Walfängern einen gewissen Anteil am Ertrag der Fangreise erhält, den man Lay nennt, und die Höhe dieser Lay sich danach richtete, wie gross die Erfahrung und Einsetzbarkeit des jeweiligen Mannes war.“

Man kann den Sinn anzweifeln, den gekürzte Ausgaben von Klassikern generell haben; man kann sich auch fragen, ob man eine Jugendausgabe von „Moby-Dick“ überhaupt braucht (Altersempfehlung für diese Ausgabe: ab 10). Die vorliegende Ausgabe macht meiner Ansicht nach jedenfalls alles richtig und ist meine Jugend-Ausgaben-Empfehlung! Nicht ganz billig (24,90 Euro) ist das Buch dennoch sein Geld wert, schon allein wegen der wunderschönen Aufmachung. Geeignet zum Vorlesen und „drüber reden“, zum Selberlesen für geübte Jung-Leser und auch für „Grosse“, die sich (noch) nicht recht an den umfangreichen „Moby-Dick“ herantrauen und hier eine gut lesbare, verständliche und nicht (zu sehr) verstümmelte Ausgabe finden.