Ein Dutzend Eier reicht noch nicht!

Ganz außer Konkurrenz ein Beitrag zum Februar-Gewinnspiel No.2 auf Moby-Dick™…
(Eine Idee, entstanden unter der Dusche – wo könnte man besser philosophischen Gedanken nachgehen? – und inspiriert durch das Nachdenken über Neal Stephensons „Anathem“ und die Viele-Welten-Interpretation den Quantentheorie.)

Und: Für alle, die auf der Suche nach „ein Dutzend“ hier landen (und nicht beim Beitrag über „Stadt der Diebe„) – ein Dutzend sind 12 (zwölf)! Herkunft: siehe wikipedia

humpty-dumptyHumpty-Dumpty saß am Rand einer Klippe und ließ seine dünnen Beinchen über dem aufgewühlten Meer baumeln. Just in diesem Moment kam ein großer Wal vorbei geschwommen.
„Hallo, Humpty-Dumpty,“ sagte er. Der Wal hatte eine tiefe und angenehm klingende Stimme, ein klein wenig näselnd, aber das überrascht ja nicht, wenn man sich seine anatomischen Eigenheiten vor Augen führt.
„Ich grüße dich, Moby-Dick,“ erwiderte das Ei. Auch Humpty-Dumpty hatte eine erstaunlich tiefe Stimme. Und auch er – wen wundert’s – näselte ein bisschen.
„Fürchtest du dich gar nicht?“ wollte Moby-Dick wissen, denn er war so gewaltig, dass er fast bis an den Rand der Klippe und damit an Humpty-Dumptys Füße heranreichte.

„Wovor sollte ich mich fürchten?“
„Nun, ich könnte dich … zerbrechen!“
„Ach, das! Nein. Nein, das Ende meiner Existenz als Ei ist nicht möglich.“
„Nicht möglich!? Was soll das heißen? Bist du etwa unsterblich?“
„Natürlich! Ebenso wie du und jeder andere. Obwohl für ‚mich‘ nur ‚ich‘ unsterblich bin. Für dich sieht es vielleicht nicht so aus. Aber das kann mir ja egal sein.“
Der Wal schüttelte sich, dass die Gischt wie ein Regenschauer über Humpty-Dumpty niederging.
„Hmmhmm – ich glaube nicht, dass ich das verstehe!“
Das Ei rückte noch ein klein wenig näher an den Rand der Klippe und schaute auf den großen weißen Wal hinab.
„Wenn du auf dem Meer schwimmst und sagen wir, irgendwann nach links abbiegst, einfach so.“
„Backbord, aye.“
„Meinethalben auch backbord. Jedenfalls hättest du da ebenso gut nach rechts – also, äh, steuerbord abdrehen können? Nicht wahr?“
Der Wal hätte die Achseln gezuckt, hätte er welche gehabt. So runzelte er nur die Stirn.
„Hätte ich machen können. Warum?“
„Glaubst du, dass du die Welt verändert hast, dadurch, dass du nach backbord statt nach steuerbord geschwommen bist?“
Moby-Dick kniff seine ohnehin schon kleinen Augen zusammen.
„Die Welt verändert? Na, vielleicht. Vielleicht hat ein Tintenfisch auf meiner Steuerbordseite Glück gehabt und wird nicht gefressen, kann Nachwuchs kriegen und in Ruhe alt werden. Und der auf der Backbordseite eben nicht. Meinst du das mit ‚Welt verändern‘?“
Humpty-Dumpty lachte übers ganze Gesicht. „Genau, du alter Rollmops, genau das meine ich! Und genau das ist eben nicht so! Statt dessen hast du gewählt in welcher Welt du leben willst.“
„In welcher Welt…?“ Moby-Dick war so verwirrt, dass er die Sache mit dem Rollmops einfach durchgehen ließ. „Was meinst du damit? Wie viele Welten gibt es denn bitteschön?“
„Unendlich viele! Das ist ja das wunderbare! Mit jeder bewussten oder unbewussten Entscheidung erzeugst du neue Wirklichkeiten! Schau her…“
Humpty-Dumpty schnippte einen kleinen Kieselstein ins Meer.
„In dieser Welt habe ich mich entschieden, den Stein ins Meer zu werfen. In einer anderen habe ich es nicht getan. Und dann gibt es noch eine Menge anderer Möglichkeiten, in denen ich den Stein vielleicht nur an eine andere Stelle gelegt habe oder hinuntergeschluckt oder auf dich geworfen oder…“
„Ich habe es begriffen! Aber was soll das alles?“
„Nun, das großartige ist, dass ‚ich‘ in allen dieser Welten existiere! Es gibt unendlich viele Versionen von mir. Ich manchen Welten bin ich schon zerbrochen worden, zu Rührei oder Spiegelei geworden, für Pfannkuchen verwendet oder zum Frühstück verspeist worden. ‚Ich‘ bin schon tausendmal gestorben. Und doch bin ‚ich‘ noch immer hier. Denn wenn ich irgendwo sterbe, dann hört diese Realität einfach für ‚mich‘ auf. Du könntest mich jetzt zerbrechen. Dann würde ich in dieser Welt, in der wir beide uns unterhalten, sterben. Du würdest das sehen und die Konsequenzen tragen. Ich aber bin einfach fort. Und in einer anderen Realität würden wir uns weiter unterhalten, denn dort ist nichts geschehen!“
Moby-Dick schwamm ein paar Hundert Meter ins offene Meer hinaus.
„Darüber muss ich nachdenken…“
„War schön, mit dir zu plaudern!“ rief Humpty-Dumpty ihm hinterher und wedelte mit seinen Ärmchen in der Luft. Moby-Dick sah nicht mehr, wie das Ei das Gleichgewicht verlor, über die Klippenkante stürzte und in tausend Teile zersprang…

Foto via thelongthread.com

4 Gedanken zu “Ein Dutzend Eier reicht noch nicht!”

  1. Yay! Beweise von Unmöglichkeiten, vor allem aber der Endlichkeit der eigenen Existenz, haben doch immer was Kitzelndes. Schöner dramaturgischer Dreh am Schluss, das wird schwer zu toppen.

    Ist eigentlich der Preis fürs letzte Mal inzwischen angekommen? Hab ich vor einer Woche losgeschickt.

  2. Wow, sehr schön. Und so recht humpty-dumptysch postuliert. Ein ganz schöner Brocken für den armen Moby. ;o) Und für alle Mitspieler auch, uff. Dochdoch, sehr fein das – und fürwahr schwer zu toppen.

    Aber was heißt hier ‚ganz außer Konkurrenz‘? Nix da! :o)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.