Ingrid Law: Schimmer

Ein sehr sympathisches Jugendbuch!

Als Opa noch kein Opa war, sondern ein Lausebengel, der dreizehn tropfende Kerzen auf einer windschiefen Geburtstagstorte auspustete, erwischte sein Schimmer ihn hart und heftig – genau wie es Fish später auf der Geburtstagsfeier im Garten mit dem Hurrikan ergehen sollte – und der ganze Staat Idaho entstand aus dem Nichts. So hat Opa Bomba es jedenfalls erzählt. >>Bevor ich dreizehn wurde<<, sagte er immer, >>stieß Montana direkt an Washington, und Wyoming und Oregon lagen kuschlig beieinander.<< Die Geschichte von Opas dreizehntem Geburtstag war im Laufe der Jahre immer größer geworden, genau wie das Land, das er strecken und verrücken konnte, und Momma schüttelte nur den Kopf und lächelte, wenn er seine Lügengeschichten erzählte. Aber tatsächlich hat dieser kleine Junge, der wuchs und alt wurde wie Wein und Dreck, neue Orte geschaffen, wo immer es ihm gefiel. Das ist Opas Schimmer.

law-schimmer„Schimmer“ von Ingrid Law erzählt die Geschichte von Mississippi „Mibs“ Beaumont, fast dreizehn Jahre alt. In der Familie Beaumont gibt es ein ungewöhnliches Erbe: den „Schimmer“. Das ist eine aussergewöhnliche Fähigkeit, die sich (fast immer) am Tag des dreizehnten Geburtstags manifestiert.
So kann Mibs‘ Grossvater Land entstehen lassen, ihre verstorbene Grossmutter sammelte Radiosendungen in Einmachgläsern, ihre älteren Brüder können Elektrizität manipulieren (Rocket) bzw. das Wetter beeinflussen (Fish). Mibs‘ Mutter ist perfekt – ganz gleich was sie tut, ob sie Kuchen bäckt oder einen Fehler macht: das Ergebnis ist makellos…
Kein Wunder, dass Mibs einigermassen aufgeregt ist, so kurz vor ihrem dreizehnten Geburtstag. Leider kommt alles anders, als erhofft. Ihr Vater (angeheiratet, also ohne Schimmer) hat einen schweren Autounfall. Ihre Mutter und ihr ältester Bruder Rocket machen sich auf ins hundertfünfzig Kilometer entfernte Krankenhaus. So bleibt Mibs mit ihrem fast gleichalten Bruder Fish, ihrem Opa Bomba und den beiden jüngeren Geschwistern Gypsy und Samson zurück, was die Frau des örtlichen Predigers, Miss Rosemary, erfährt. Natürlich hält sie es für ihre Pflicht, sich um die elternlosen Kinder zu kümmern und eine Geburtstagsfeier für Mibs zu organisieren. Dabei gibt es eine eiserne Regel in der Familie Beaumont: dreizehnte Geburtstage werden nur im engsten Familienkreis gefeiert – wer weiss, was alles passieren kann, wenn sich ein Schimmer zeigt!

Glücklicherweise ist die Fähigkeit, die in Mibs erwacht lange nicht so spektakulär wie die ihres Bruders Fish, der zum Geburtstag einen gewaltigen Hurrikan verursachte. Doch auch so bringt sie Mibs einiges an Verwirrung. Was sie aber sicher weiss: sie muss zu ihrem Vater. Nur sie kann ihm helfen! So versteckt sie sich mit Fish, Samson und den (eigentlich verhassten) beiden Kindern der Predigerfamilie, Roberta (genannt Bobbi) und Will junior, in einem Bibellieferbus, von dem sie hofft, dass er sie nach Salina bringt, ins Krankenhaus.
Es beginnt eine kleine Odyssee, denn natürlich fährt der Bus erstmal nicht nach Salina. Dafür aber lernen die Kinder den Fahrer des Busses, Lester, kennen und treffen unterwegs auf die Ex-Kellnerin Lill, die ein rettender Engel für sie wird.

Einen Augenblick dachte ich, Lill wäre vielleicht ein Engel, der auf uns aufpassen sollte, während wir mit dem großen rosa Bibelbus über den Highway holperten – kein Teufelsengel wie Bobbis Tattoo und auch kein dämlich grinsender Parfümengel wie der Lufterfrischer, der hinter der Windschutzscheibe von Miss Rosemarys Minivan baumelte. Ein echter Engel. Einer mit riesengroßen Füßen.

Vor allen Dingen lernen die Kinder aber viel über sich selbst, über Vertrauen, Liebe und Hoffnung.
Am Ende wird alles gut, nicht so, wie der Leser es zuerst glaubt, aber dennoch. Das kann man bei diesem Buch ruhig vorher verraten, denn „Schimmer“ lebt nicht von nägelkauender Spannung. „Schimmer“ ist eine wunderbare Erzählung über das Sich-selbst-finden, das Mit-sich-selbst-zufrieden-sein. Wie es im Klappentext steht: „Sie entdeckt, dass sie genau wie alle anderen ist: etwas ganz besonderes.“

Lester sah nur den wilden Wirrwarr eines aufkommenden Sturms. Er merkte gar nicht, dass Fish der Verursacher war und dass bei mir, die hinter Fish stand, kein einziges Haar verweht wurde und das Kleid kein bisschen flatterte; es war, als stünde ich in dem stillen, unbewegte Auge eines Zyklons.
Aber Bobbi und Will sahen alles und jetzt begriffen sie. Jetzt wussten sie alles, so todsicher wie nur was.
Jetzt hatten Bobbi und Will nicht mehr den leisesten Zweifel, dass die Beaumont-Kinder anders waren. Dass die Beaumont-Kinder auf außergewöhnliche, verrückte Weise unnormal waren. Aber alles in allem und letzten Endes begriffen Bobbi und Will auch, dass die Beaumont-Kinder ziemlich erstaunlich waren.

Ich werde „Schimmer“ meiner Tochter ins Bücherregal stellen und hoffen, dass sie das Buch entdeckt, wenn sie im richtigen Alter ist. Wenn sie nach ihrem „Schimmer“ sucht…

3 Gedanken zu “Ingrid Law: Schimmer”

  1. das buch ist super
    aber ich möchte gerne wissen ob es den 2 teil von schimmer gibt

  2. Auf der Internetseite von Ingrid Law steht, dass sie an einem neuen Buch arbeitet, das irgendwann 2010 erscheinen soll. Ob und wann es auf deutsch erscheint ist noch offen.
    Dieses neue Buch ist wohl keine Fortsetzung von „Schimmer“, sondern erzählt die Geschichte eines Cousins der Beaumont-Kinder, den wir bisher noch nicht kennen gelernt haben…

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