Anonymus: Das Buch ohne Namen

Das Buch ohne Namen
Das Buch ohne Namen

Ganz sicher eines der merkwürdigeren Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe.

„Der Kultroman aus Grossbritannien erschien zuerst im Selbstverlag und eroberte seine Leser über das Internet.“ – So steht es im Klappentext. Wenn man das Buch gelesen hat, könnte man auf die Idee kommen, dass es die Verlagslektoren waren, die diesen Satz dort stehen haben wollten, denn sicher würde kein Lektor mit klarem Verstand ein solches Buch erscheinen lassen?

Worum geht es? Ganz grob: In der Stadt Santa Mondega, die zwar in den USA liegt, irgendwie aber nicht wirklich ein Teil der „normalen“ Welt ist, taucht kurz vor einer totalen Sonnenfinsternis ein Fremder auf – The Bourbon Kid – und richtet ein Massaker an…
Fünf Jahre später steht die nächste totale Sonnenfinsternis in Santa Mondega bevor (ein deutlicher Hinweis, wie ungewöhnlich die Stadt ist), es häufen sich grausige Morde, Gerüchte behaupten, dass Bourbon Kid wieder in der Stadt sei. Außerdem taucht ein geheimnisvoller Stein auf, das „Auge des Mondes“, dem magische Kräfte nachgesagt werden, und der schon bei Bourbon Kids erstem Massaker eine Rolle gespielt hatte. Zwei kampfstarke und naive Mönche sind auf der Suche nach dem Stein, ein wilder Kopfgeldjäger, ein skrupelloser Gangsterboss – und schlimmeres…
Folgendes spielt im Laufe des Buchs noch eine Rolle: Untote (Vampire, Werwölfe, etc), der heilige Gral, verschiedene Killer und Ganoven, ein Vampirjäger, zwei ungleiche Cops, die Partner werden, Wahrsagerei, ein Buch ohne Namen, eine Leihbücherei und Blut. Sehr viel Blut!

„Das Buch ohne Namen“ lässt kein Klischee aus, klaut fleissig aus Filmen und Popliteratur – und bleibt trotzdem irgendwie blass, blutleer möchte man sagen. Zum einen liegt das daran, dass immer wieder das gleiche Muster wiederholt wird – eine schillernde Gestalt taucht auf, sieht ein paar Kapitel ziemlich gut aus – und nimmt dann ein grausliches Ende. Nehmen wir mal den „King“:

Es war später Vormittag, als der Mann, den sie Elvis nannten, triumphierend in die Tapioca Bar stolzierte. Er bewegte sich, als würde er zum Takt von Suspicious Minds auf einer Bühne Jive tanzen – nicht nur in diesem Augenblick, sondern grundsätzlich. Es war, als hätte er unsichtbare Kopfhörer übergestreift, die ununterbrochen die Melodie spielten.
[…]
Elvis war nicht nur cool, er sah auch so aus. Zumindest für jemand, der immer angezogen war wie Elvis Presley. Eine Menge Leute denken, Elvis-Imitatoren sehen albern aus und machten sich selbst völlig zum Affen, doch über diesen Burschen dachte das niemand. Er erinnerte die Leute daran, wie unglaublich cool der echte King gewesen war, bevor er nicht mehr cool gewesen war. Sozusagen.

Dieser Elvis ist ein Killer, der für den Barmann der Tapioca Bar den Mörder seines Bruders und seiner Schwägerin finden und „erledigen“ soll. Der King macht sich auf die Suche, tötet einen Mann (leider nicht den richtigen) und dann…

Und dann sah er den Toten an der Decke hängen. Es war sein Blut, das auf die Decke tropfte.
Der Mann war durchbohrt worden. Buchstäblich an die Decke genagelt mit einer Anzahl kleiner Messer. Einige steckten in seinen Händen, einige in seinen Füßen, einige in seiner Brust. Ein weiteres steckte in seinem Hals, zwei steckten in seinen leeren Augenhöhlen, und es sah aus, als steckte eins in seinem Schritt. Gütiger Himmel! Aua!

Das ist das Ende von Elvis…

So geht es praktisch allen, die in diesem Buch auftauchen: einige Kapitel später sind sie tot. Das ist Anfangs noch unkonventionell und spassig – aber sehr schnell einfach ermüdend. Man wünscht sich, dass irgendwer, der ein kleines bisschen sympathisch ist, etwas länger lebt…

Der zweite ärgerliche Punkt ist, dass der Autor offenbar die Beschreibung von Action fürchtet. Ganz gleich wer wen tötet oder wer mit wem kämpft – fast immer bricht die Geschichte am Anfang des Kampfes ab und setzt wieder ein, wenn einer der Kontrahenten tot ist. Immer erfahren wir erst hinterher von der (immer sehr grausig zugerichteten) Leiche. Auch das ist gezielt eingesetzt ein nettes Stilmittel, wird hier aber wirklich übertrieben.

Witzig ist „Das Buch ohne Namen“ eigentlich nie. Jedenfalls fand ich das. Manchmal (aber leider nicht sehr oft) hat es die gleiche Faszination, die ein Tarantino-Film hat (das sicher beabsichtigt) oder wie ein richtig schlechter Italo-Western (auch beabsichtigt?), über weite Strecken ist es aber einfach ermüdend. Die immer gleichen schmierigen Typen, die an einen noch schmierigeren Typen geraten und dann tot sind. Gähn! Am Ende nimmt die Geschichte etwas Fahrt auf, ein paar Dinge werden klarer (bei weitem nicht alle!) und es gibt einen netten mystischen Touch. Aber alles in allem ist „Das Buch ohne Namen“ eine grosse Enttäuschung für mich gewesen. Dabei fand ich den Klappentext so vielversprechend! Schade

4 Gedanken zu “Anonymus: Das Buch ohne Namen”

  1. Amüsant, daß du das Buch unter „Humor“ einordnest…😉

    In den Schritt hätten bestimmt zwei Messer gepasst. Insofern scheint mir das Buch wenigstens nicht übertrieben blutlastig zu sein.

    Aber ich denke, nach deiner Besprechung werde ich trotzdem auf die Lektüre verzichten…

  2. Ernst nehmen sollte man das auf keinen Fall, darum also schon „Humor“ – und was das Blut angeht – das ist eine der harmloseren Stellen, anderswo wird weitaus grauslicher gestorben…
    Und: es gibt bestimmt Bücher, für deren Lektüre die Zeit sinnvoller angelegt ist…

  3. Naja man sollte vllt nicht ganz so hart richten…. Ich finde das es den spannungsplot ganz gut aufrecht erhält. und denke das der anfang des buches ganz gezielt die anfangsscene eines bestimmten tarantino films beschreibt… den stil so zuhalten, das jede charaktere eigens ihre erlebnisse hat und somit langsam das puzzel zusammen gefügt wird, fand ich eigentlich besonders erfrischend. Mal was anderes als die Prosa die ich mir des öfteren antue….

  4. Vor ein paar Wochen habe ich mir das Buch gekauft. Nach der ganzen Vampir-Twilight-Vampire Diaries-Ära, hatte ich endlich ein schönes, Vampir- und Werwolffreies Buch gehofft.
    Da kam schon die erste Enttäuschung, SCHON WIEDER Vampire und „Gestalten der Nacht“. Naja ich dachte mir nichts weiter dabei aber dann wurde mir auch noch schmerzlich bewusst, dass diese sogenannten Vampire genauso beschrieben wurden, wie sie im Film „30 Days of Night“ bereits zu sehen waren. Und diese Darstellung ist irgendwie….naja, sagen wir gewöhnungsbedürftig. Man stellt sich schon das ganze Buch blutrünstige Gangster und 4.Klasse Banditen vor und dann kommen auch noch stinkende, blutige, ecklige Vampir bzw. Werwolfdarstellungen dazu. Aber nun auch mal was positives: der Humor ist ganz mein. Ich weiß, fürchterlich…aber leider wahr😀 Und ich mag die fiktive Stadt und Stadtdarstellungsweise…..gut gelungen—–Bin gespannt, ob ich nach Beendigung des Buches noch mehr zu loben habe.

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