John Burnside: Glister

John Burnside: Glister„Glister“ von John Burnside (Deutsch von Bernhard Robben) ist ein Buch wie ein Gedicht: wunderschöne Sprache und eine Bedeutung, die man mehr erfühlen als begreifen kann. Das jedenfalls ist mein Eindruck.

Das Buch: Schon seit Jahre verschwinden in Innertown heranwachsende Jungs. Man ist zwar beunruhigt, aber niemand unternimmt etwas. Die offizielle Darstellung ist, dass die Jungs vermutlich weggelaufen sind, denn der Roman spielt in einer Gegend Englands, die durch eine mittlerweile stillgelegte Chemiefabrik entsetzlich verseucht wurde. Die Menschen, die dort früher arbeiteten, sind krank oder schon tot. Und da die Fabrik der einzige nennenswerte Arbeitgeber war, betrifft das fast alle Eltern der Kinder von Innertown. Die Heranwachsenden sind so sich selber überlassen, niemand kümmert sich um sie – im Gegenteil, viele von ihnen müssen sich um ihre Eltern kümmern.
So auch Leonard, über weite Strecken der Ich-Erzähler des Buchs. Seine Mutter hat die Familie vor vielen Jahren verlassen, der Vater vegetiert nur noch vor sich hin. Leonard ist ein Aussenseiter, sein einziger Freund ist der Bibliothekar John.

Und dann ist da noch Elspeth, die Leonard eines Tages anspricht und ihn fragt, ob er nicht mit ihr gehen wolle. Elspeth hat nur Interesse an einer Sache: Sex. Leonard ist da nicht abgeneigt, auch wenn er Elspeth manchmal recht lästig findet.
Auf seltsamen Wegen wird Leonard beinah Teil einer Bande von Jugendlichen, die durch die verseuchte Landschaft zieht und mutierte Tiere jagt. Auch hier bleibt er Aussenseiter, geht jedoch mit, als beschlossen wird einen anderen Aussenseiter zu „befragen“, der vielleicht – so die Vermutung des Bandenführers – etwas über die verschwundenen Jungen weiss. Und obwohl Leonard klar ist, dass etwas furchtbares passieren wird, kann er es dennoch nicht verhindern…

„Glister“ ist ein Buch voller Andeutungen. Man fühlt sich an Bilder aus Tschernobyl erinnert und es ist sicher kein Zufall, dass es eine Anspielung gibt auf Tarkowskis „Stalker“:

Elspeth bekommt immer noch Albträume, wenn sie an diesen einen Film denkt, in dem irgendein Typ mit einem großen schwarzen Hund durch eine vermüllte Landschaft läuft, und die Kamera mal näher an eine Glasscherbe, mal an ein Buch oder sonst was heranfährt, während jemand, den man nie zu Gesicht bekommt, aus dem Off quasselt und überall Wasser tröpfelt; mehr passiert nicht, und das geht über vier Stunden so – auf Russisch.

Überhaupt spielen Filme und Bücher eine grosse Rolle, sie sind für Leonard die einzige Verbindung zur Aussenwelt – und für den Leser einer der wenigen Hinweise darauf, dass der Roman tatsächlich in unserer Gegenwart spielt (denn beim Lesen hatte ich immer eher den Eindruck, das die Handlung in den 50er Jahren angesiedelt sei):

Er liebt es, eine Frau zu beobachten, wenn sie nachts langsam durch ein Gebäude streift und der Strahl ihrer Taschenlampe durch die unbekannte Dunkelheit wandert, Agent Scully in einer Lagerhalle, die nach einem Verdächtigen mit übermenschlichen Kräften sucht, Catherine Willows vom CSI in einem Vorstadthaus oder Studentenheim, die eine Leiche nach der anderen findet, während sie sich langsam durch das Gebäude vorarbeitet.

Was es mit dem Verschwinden der Jungs auf sich hat, bleibt eher ungewiss. Zwar erfahren wir schon im ersten Kapitel, dass auch Leonard einer der Verschwundenen ist, doch seine Erzählung macht am Ende dann wenig Sinn. So ist „Glister“ alles andere als ein Krimi, es geht dem Autor wohl mehr darum, zu zeigen, was eine aus den Fugen geratene Gesellschaft und eine ruinierte Natur mit unseren Kindern anstellen können. Vielleicht. Aber wie bei einem guten Gedicht kann eigentlich jeder das aus der Geschichte mitnehmen, das er mitnehmen möchte…

Und weil es so ein wunderschönes Buch ist, über das man eigentlich wenig sagen kann, hier noch eine meiner Lieblingsstellen:

Plötzlich wusste ich, dass er mich nur auf den Arm genommen hatte, und von diesem Augenblick an mochte ich ihn irgendwie. Schließlich verdankte ich es John, dass ich noch einmal zu Herman Melville griff. Ich kannte eine überarbeitete Fassung von Moby Dick aus der Kinderbücherei, nicht aber den eigentlich Roman. Irgendwelche allgewaltigen Mächtigen hatten aus irgendeinem unerfindlichen Grund schon vor vielen Jahren beschlossen, dass sich Moby Dick als Kinderbuch eigne, woraufhin allerlei seltsame Ausgaben herausgebracht worden waren, samt und sonders gekürzt und illustriert und auf das bloße Skelett einer Abenteuergeschichte reduziert. Schlimmer noch, man hielt Melville für jemanden, der nur ein einziges Buch geschrieben hatte, weshalb ich, bis John kam, nichts von Maskeraden wusste, von Bartleby, der Schreiber oder Billy Budd. Niemand aber sollte je den ewigen Dank vergessen, den er jenem Menschen schuldet, der ihn zum ersten Mal dazu bringt, den wahren Herman Melville zu lesen. Laut John gehörte der ungekürzte Moby Dick ebenfalls zur fesselnden Lektüre – und er hatte recht, so wie er mit Proust und all den anderen Autoren recht hatte.

6 Gedanken zu “John Burnside: Glister”

  1. Oh, eine frühe Buchvorstellung!

    Ich habe das Buch auch bei mir stehen und stimme dir zu, es ist ein nicht ganz einfaches, weil viele Deutungen zulassendes, wunderschönes Buch…..

  2. Habe gerade nochmal ins Lese-Exemplar geschaut und gesehen, dass ich eine Woche zu früh mit der Besprechung bin! Sollte erst am 20. September erscheinen – sorry! Da habe ich wohl etwas durcheinander gebracht…
    Also verschwindet der Artikel erst mal wieder, bis zum 20.9.2009!

  3. Wollt schon sagen. Der Artikel war doch grade mal da und dann wieder nicht. Ein Roman wie ein Gedicht, wenn das mal nicht auf die Liste muss. Und die Lieblingsstelle eignet sich wohl als „Freundliche Begegnung“ in den Melvilleana, hm?

  4. „ein Buch wie ein Gedicht: wunderschöne Sprache“ – schade, daß dies nicht wenigstens eine Erwähnung des Übersetzernamens verdiente – John spricht (und schreibt) nämlich kein Wort Deutsch.

  5. Oha, ja das stimmt – also „Übersetzer: Bernhard Robben“! Gute Arbeit! Leider ist es ja so, dass eine Übersetzung nur dann interessant wird, wenn sie nichts taugt. Diese hier ist aber einwandfrei (ich habe auch die englische Ausgabe angelesen), darum also…
    Ich entschuldige mich und werde versuchen, mehr auch an die Übersetzer zu denken!
    P.S.: Eine Sache, die mir erst auffiel, als ich die englische Ausgabe nicht mehr zur Hand hatte – in der Stelle über Melville oben ist von „Bartley, der Schreiber“ die Rede. Ich habe das in „Bartleby, der Schreiber“ korrigiert, in der Annahme, es handelte sich um einen Fehler in meinem Leseexemplar. Allerdings hat auch die Verkaufsausgabe diesen Fehler. Druckfehler? Oder auch im Original falsch? (Wenn man schon mal den Übersetzer zur Hand hat…)

    Schöne Grüsse & weiter so!

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