Charif Majdalani: Ein Palast auf Reisen

Charif Majdalani: Ein Palast auf Reisen, Verlag Knaus„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlässt ein junger Libanese seine Heimat, um in der weiten Welt sein Glück zu suchen. Er besteht Abenteuer, begegnet einer märchenhaften Karawane und findet schließlich seine große Liebe.“- So weit der Klappentext auf „Ein Palast auf Reisen“. Irgendwie stimmt das auch schon alles, aber es vermittelt ein falsches Bild dieses bemerkenswerten Buchs.

Was vor allen Dingen nicht deutlich wird – aber das ist auch schwierig – ist die wunderbare Ruhe und nostalgische Eleganz, mit der hier erzählt wird. Vor dem Leser wird das Bild einer fernen Zeit ausgebreitet – die es so wahrscheinlich nie gegeben hat, von der man aber gerne träumen mag. Eine Zeit von prächtigen Dinnerpartys in Kairo, von korrekt gekleideten Abenteurern und perfekten Gentlemen, von geheimen diplomatischen Missionen in Feindesland, von gewaltigem Reichtum und der damit verbundenen Macht.
Es ist die – von einem fiktiven Enkel rekonstruierte – fiktive Lebensgeschichte eines Libanesen aus bester Familie, gelehrt und wohlerzogen, der, so wie viele seiner Landsleute in dieser Zeit, seine Heimat verlässt. Er geht aber nicht in die Vereinigten Staaten oder nach Brasilien, nicht nach Haiti oder Sansibar, er geht in den Sudan: „das undankbarste Gebiet, das es zu jener Zeit gab“.

Wie die Konquistadoren, die Europa nicht mehr zu halten vermochte, verließ er den Libanon eines schönen Tages im Frühling. Vermutlich mit einigen Hemden und Taschentüchern in einem  kleinen Koffer und zärtlichen Erinnerungen im Kopf – an die Bäume im Garten des Hauses der Familie, wohin der Wind den ewigen Rhytmus des Meeres trägt, an den Duft von Jasmin und  Gardenien, an den weiten Himmel von Beirut, weich wie die Wange einer Frau, und an das liturgische Weiß des Schnees auf dem Gipfel des Sannin.

Als Verbindungsoffizier für die britischen Truppen arbeitet er, bleibt allerdings Zivilist. Seine Sprachkenntnisse und sein Wissen um Land und Leute führen dazu, dass er rasch auf seine erste Mission geschickt wird. Auch wenn er, Samuel Ayyad, mitten in politischen Unruhen und den Wirren des Ersten Weltkriegs durch Arabien zieht, ist „Ein Palast auf Reisen“ doch kein klassischer Abenteuer-Roman. Ein einziges Mal gibt es eine Schiesserei und auch davon wird mehr nebenher erzählt. Sonst gelingt es Samuel immer, alle Probleme mit Geschick und (britischem) Geld aus dem Weg zu räumen. So bleibt seine Begegnung mit dem berühmten T.E. Lawrence (an dessen Werdegang Samuel in vieler Hinsicht erinnert) nur eine Anekdote und selbst der titelgebende „Palast auf Reisen“ ist viel weniger spektakulär als man annehmen könnte. Aber genau das macht für mich auch den Reiz aus. Charif Majdalani hat ein wunderbares, stilles, fast schon verträumtes Buch geschrieben, das dennoch – auf seine ganz eigene Art – sehr spannend und ungemein fesselnd ist. Ein kleines Juwel.

Unter diesen Umständen liegt es jedenfalls nahe, sich zu fragen, wie es einem jungen Abenteurer gelingen kann, solch intensive Gefühle auszulösen. Nur weil er jung und ein Abenteurer ist, und die mondäne Welt ihn von einer Aureole umgeben sieht? In seinem Blick eine Kraft und Energie erkennt, die brennt und einschüchtert? Natürlich kommt diese Aura hinzu, die ihm den Ruf einbringt, Gründer von Sultanaten zu sein, genauso wie dieser Beiname <<weißer Sultan>>. So wird er also bereits zur ersten Abendeinladung bei den Soussa empfangen wie seinerzeit Garibaldi in den Salons von Palermo oder Kosciuszko in Paris. Die Damen bedauern fast, dass er nicht in seiner Savannenkleidung auftritt, staubig und männlich, mit struppigem Bart und leuchtenden Augen. Aber er trägt Smoking und Schnürschuhe, ist sehr elegant. Ich vermute, er bringt jenes gewisse Etwas mit, das einnimmt, das die begierigen Blicke junger Frauen anzieht: die selbstverständliche Gewissheit einer viktorianischen Erziehung, deren Anziehungskraft sich niemand entziehen kann.