Scarlett Thomas: PopCo

Eines der ersten hier im Blog besprochenen Bücher war „Troposphere“ von Scarlett Thomas. Und auch wenn ich nicht wirklich begeistert war davon, ist ein gewisser Reiz doch unleugbar. Nun ist „PopCo“ auf deutsch erschienen, übersetzt von Tanja Handels.

Die eigentliche Story von „PopCo“ lässt sich schnell erzählen. Alice Butler arbeitet in der „Ideen & Design“-Abteilung der grossen Spielwarenfirma „PopCo“. Nach einem Mitarbeitertreffen auf einem Landsitz im englischen Dartmoor wird sie, mit einer Handvoll anderer, ausgewählt, an einem besonderen Projekt zu arbeiten: es soll ein Produkt „erfunden“ werden, mit dem sich junge Mädchen ansprechen lassen. Die nächsten Tage vergehen mit Workshops und Vorträgen, gemeinsamen Ausflügen und Teamarbeit. Es gibt Sex und Liebe und – eine verschlüsselte Nachricht. Die bekommt Alice von einem Unbekannten, der aber offensichtlich weiss, wie gut sie sich mit dem Knacken von Codes auskennt. Denn – und nun wird in Rückblenden viel aus Alice‘ Kindheit und Jugend erzählt – Alice hat viel über Kryptographie und Kryptoanalyse von ihrem Grossvater und ihrer Grossmutter (die während des 2. Weltkriegs in Bletchley Park war) gelernt. Ihr Grossvater hat das (fiktive)  Stevenson-Heath-Manuskript entschlüsselt, das angeblich den Weg zu einem Piratenschatz weist – doch er behält das Geheimnis für sich. Gemeinsam mit Alice macht er sich daran, das  Geheimnis des Voynich-Manuskripts zu knacken…

Wie schon in „Troposphere“ ist es auch in „PopCo“ weniger die grosse Geschichte, die fasziniert. Auch hier sind es wieder die vielen, vielen kleinen Geschichten und Ideen, die den Spass beim Lesen bringen. Wir erfahren etwas über das Kaufverhalten weiblicher Teenager, über Verschlüsselungstechniken im Lauf der Jahrhunderte, über virtuelle Realitäten, Homöopathie (natürlich wieder), Globalisierung, das Leben als Veganer, Paul Erdös und seinen „Höchsten Faschisten“, Kurt Gödel, Jenseitsvorstellungen, Ada Lovelace und Dutzende anderer Dinge.
Dabei ist die „Heldin“ der Geschichte, Alice Butler, sehr viel sympathischer als die völlig verkorkste Ariel Manto in „Troposphere“. Auch Alice ist ziemlich schräg – aber eben auf eine nettere Art und Weise. Ganz wunderbar finde ich die Rückblicke in Alice‘ Kindheit. Als sie neun war, hat ihr Vater sie verlassen (die Mutter ist schon viel früher gestorben), und hat sie allein in der Wohnung zurückgelassen. Einen Zettel hat er dagelassen, auf dem stand, dass sie ihre Grosseltern anrufen solle – die würden sich um sie kümmern. Doch Alice hat niemanden angerufen. Denn damit hätte sie ja eingestanden, dass ihr Vater wirklich fort sei. Statt dessen hat sie sich so gut sie konnte selbst versorgt. Was ziemlich schwierig war, zum einen, weil sie den Grossteil des vorhandenen Gelds schnell für Fish & Chips ausgegeben hatte, zum anderen, weil sie sich an die Anordnungen ihres Vaters hielt. Und das bedeutete zum Beispiel, dass sie kein heisses Wasser zum Spülen nutzen durfte – zu gefährlich für Kinder. Man schliesst dieses kleine Mädchen gleich ins Herz, die sich nachts in ihr Bett verkriecht und sich vorstellt, es sei ein Boot, das auf dem Meer treibt…

„PopCo“ ist ein sehr viel „runderes“ Buch als Troposphere, viel freundlicher und menschlicher. Wer gerne Bücher mag mit Geschichten in Geschichten (wie zum Beispiel Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel“), der wird an „PopCo“ seine Freude haben. Ein wirklich schöner Schmöker für lange Abende…

P.S.  Die englische Ausgabe von „PopCo“ ist bereits 2004, zwei Jahre vor „The End of Mr. Y“ veröffentlicht worden. Und auch wenn es eigentlich der erste Roman von Scarlett Thomas ist, wirkt er auf mich doch sehr viel reifer. Allerdings erklärt das Alter einige Merkwürdigkeiten, z.B.:

„Wie?“, frage ich. „Es ist doch gar nicht angeschlossen.“
„Das kommt direkt aus den Wänden“, sagt Esther.
„Ein Drahtlosnetzwerk“, erläutert Ben. „Das ganze Anwesen hier hat W-LAN. Du kannst in jedem Zimmer dein Notebook einschalten und hast sofort Internetzugang. Ziemlich coole Sache, muss ich sagen. Ich wünschte, ich hätte mein Notebook auch hier.“
„Das ist die Zukunft“, sagt Esther.