Cory Doctorow: Little Brother

Cory Doctorows „Little Brother“ (deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn) ist mehr als „nur“ ein Jugendroman – es ist ein Buch mit einer Botschaft. Der Botschaft nämlich, dass wir unserem Bedürfnis nach Sicherheit nicht unsere Freiheit opfern dürfen.

Marcus ist 17 und lebt in der sehr nahen Zukunft in San Francisco. Schon lang gibt es einen Konflikt zwischen dem Wunsch nach Überwachung (z.B. durch die Schule) und dem Wunsch frei zu sein (z.B. der Schüler). Marcus hat Mittel und Wege gefunden, sich seine Freiheit nicht einschränken zu lassen. Dank seiner Computerkenntnisse kann er viel von der „Schnüffelsoftware“, die auf seinem SchoolBook läuft, austricksen. Genau wie die Kameras, die mittels Gangerkennung einen Person identifizieren (Video-Überwachung wurde gerichtlich untersagt) – er legt sich Steinchen in die Schuhe, so dass sein Gang zu keinem gespeicherten Muster mehr passt.
Als er sich eines Nachmittags aus der Schule stiehlt um mit seinen Freunden Hinweise zu „Harajuku Fun Madness“ (einem ARG) zu suchen, explodieren Bomben – Terroristen haben die Bay Bridge und die darunter verlaufenden BART-Tunnel gesprengt. Im entstehenden Chaos werden Marcus und seine Freunde von militärisch aussehenden Typen „eingesackt“: Säcke über den Kopf, Plastikhandschellen, Schläge. Sie werden in ein Auto gesetzt und verschleppt. Marcus überlegt, ob er wohl als Geisel den Terroristen in die Hände gefallen ist. Doch es ist weitaus schlimmer. Er wird in ein geheimes Gefängnis der Heimatschutzbehörde (DHS) gebracht. Dort zwingt man ihn, alle seine Geheimnisse zu verraten – vom Passwort für sein Handy bis zum e-mail-Account. Marcus versucht zwar, sich zu widersetzen und auf seinen Rechten zu bestehen, doch erfolglos. Nach Tagen der Haft und der Erniedrigung lässt das DHS ihn schliesslich frei:

„Wir werden dich heute nach Hause schicken, aber du bist ein gezeichneter Mann. Wir haben nicht feststellen können, dass du über jeden Zweifel erhaben bist – wir lassen dich nur frei, weil wir die Befragung fürs Erste abgeschlossen haben. Doch von jetzt an gehörst du uns. Wir werden dich im Auge behalten. Wir werden nur darauf warten, dass du einen Fehler machst. Ist dir klar, dass wir dich von nun an jederzeit peinlich genau überwachen können?“
„Ja“, murmelte ich.
„Gut. Du wirst mit niemanden je über das, was hier passiert ist, sprechen. Dies ist eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit. Weisst du, dass auf Hochverrat in Kriegszeiten immer noch die Todesstrafe steht?“
„Ja“, murmelte ich.
„Braver Junge“, säuselte sie.

Zuhause stellt Marcus fest, dass sein Zimmer durchsucht und sein geliebtes Notebook verwanzt wurde. Doch er ist entschlossen, sich „sein Land“ zurückzuholen. Er findet einen Weg, anonym übers Internet zu kommunizieren – eine XBox mit Linux-Betriebssystem – und so entsteht eine Bewegung, vor allem unter Jugendlichen (das „Xnet“), die sich der zunehmenden Überwachung widersetzen. Denn das DHS (und die Regierung der USA) nehmen den Anschlag zum willkommenen Anlass, totale Kontrolle einzurichten. Jede Fahrt mit BART, Bus oder Taxi wird registriert und ausgewertet. „Auffällige“ Bewegungsmuster führen zu Befragungen durch die Polizei. In der Schule sind die Videokameras nun wieder aktiv – ein gemeinsamer Beschluss von Eltern und Lehrern für mehr Sicherheit.
Doch Marcus (der online als „M1k3y“ bekannt ist) und seine Freunde beweisen wieder und wieder, dass mehr Überwachung nicht mehr Sicherheit vor Terroristen bringt, sondern nur weniger Freiheit bedeutet. Kein einziger Terrorist wird geschnappt – aber zahllose „harmlose“ Menschen belästigt. Und doch gelingt es dem DHS das Xnet zu diskreditieren (positive Berichterstattung auf Al-Dschassira hilft nicht gerade), so dass sich die Schlinge um Marcus immer enger zieht…

„Little Bother“ ist ein erschreckendes Buch. Beim Lesen beschlich mich oft der Gedanke „Gut, dass sowas hier nicht möglich wäre…“ – Dann hörte ich Meldungen wie die von dem niederländischen Reporter, der es geschafft hatte, ein paar Liter Wasser in ein Flugzeug zu schmuggeln (Bericht). Richtig erschreckend nicht die Tatsache, sondern die Reaktionen, die sofort eine Verstärkung der Sicherheitsmassnahmen forderten. Wir sind schon da, wo Doctorow uns sieht – wir sind bereit uns scannen zu lassen, unsere Daten speichern zu lassen, uns in jeder Hinsicht gläsern zu machen, wenn es nur der Sicherheit dient. Aus „Little Brother“ lernen wir, dass es a.) eine blöde Idee ist, Freiheit gegen Sicherheit tauschen zu wollen und b.) es noch nicht einmal funktioniert! Denn alle Metalldetektoren, Nacktscanner und Checkpoints werden einen wirklich entschlossenen Terroristen nicht hindern.

Neben der politischen Botschaft (Doctorow arbeitete auch ein paar Jahre für die EFF – „Defending Freedom in the Digital World“), ist „Little Brother“ übrigens auch gut geschrieben! Spannend, witzig und mit einer Liebesgeschichte, die der Zielgruppe (ab 14) gefallen dürfte. Sex kommt auch drin vor! Und man lernt so allerhand über einiges: von den Beat-Poets und Jack Kerouac über die Anfänge des Internets bis zu spannenden Details über Kryptologie und den richtigen Gebrauch von wikipedia. Und das hier spricht mir aus der Seele!

Wenn du noch nie programmiert hast, dann solltest du es unbedingt mal versuchen. Es gibt nichts tolleres auf der Welt. Wenn du programmierst, macht der Computer exakt, was du ihm sagst. Es ist, als ob du irgendwas erfindest – egal was, ein Auto, ein Absperrventil, eine Gasdruckfeder für eine Tür: alles folgt mathematischer Logik und Anweisungen. Es ist im wahrsten Sinne der Wortes ehrfurchtgebietend: Es kann dich mit Ehrfurcht erfüllen.
Ein Computer ist das komplizierteste, was du je benutzen wirst. Er besteht aus Milliarden mikro-miniaturisiertern Transistoren, die so konfiguriert werden können, dass sie jedes Programm verarbeiten, das du dir ausdenkst. Aber wenn du dich an die Tastatur setzt und schreibst eine Zeile Code, dann tun dieses Transistoren, was du ihnen sagst.
Die meisten von uns werden wahrscheinlich nie ein Auto bauen. Genauso wie wohl niemand von uns je ein Flugzeug konstruieren, ein Gebäude entwerfen oder gar eine Stadt planen wird. Das sind komplizierte Dinge und für Leute wie dich und mich unerreichbar. Aber ein Computer ist ungefähr zehnmal komplizierter und tanzt trotzdem nach jeder Melodie, die du ihm spielst. Du kannst schon an einem einzigen Nachmittag lernen, einfache Codes zu schreiben. Fang mit einer Sprache wie Python an, die geschrieben wurde, um es Laien leichter zu machen, einen Computer nach ihrer Melodie tanzen zu lassen. Und wenn du nur einen einzigen Tag, nur einen einzigen Nachmittag programmierst, mach es. Unbedingt. Computer können dich kontrollieren, oder sie können deine Arbeit erleichtern – wenn du Herr deines Rechners sein willst, musst du lernen, Code zu schreiben.

Empfehlenswert. Nich nur für die ganz jungen Leser…

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