T.C. Boyle: Das wilde Kind

Ich gestehe: mit den Büchern von T.C. Boyle habe ich mich schon immer schwergetan. Einzig mit „Wassermusik“ konnte ich etwas anfangen, und auch von diesem Buch sind mir nur Mungo Park und der Gluteus maximus in Erinnerung geblieben. Ob in zehn Jahren noch soviel von „Das wilde Kind“ übrig sein wird?
In der rund 100 Seiten dünnen Novelle „Das wilde Kind“ (Übersetzung: Dirk van Gunsteren) erzählt Boyle die Geschichte von Victor, dem wilden Kind von Aveyron. 1797 in den Wäldern Frankreichs eingefangen, lebt Victor (der diesen Namen erst später erhält) seit frühester Jugend allein im Wald, kann nicht sprechen, ernährt sich von dem, was er findet (Eicheln, Nüsse, Kartoffeln, kleine Tiere) und verhält sich wie ein Tier.
Nachdem er gefangen wird und man feststellt, dass er tatsächlich ein Kind ist (und nicht etwa ein Tier oder gar ein Dämon), wird er verschiedenen Wissenschaftlern übergeben, landet schliesslich im Taubstummen-Institut von Abbé Sicard. Der Abbé verliert schnell das Interesse an dem Jungen, doch ein junger Lehrer, Jean Itard, will nicht aufgeben…

Mein grosses Problem mit diesem Buch ist folgendes: in einer solchen Geschichte ist das eigentlich spannende ja das „Innenleben“ von Victor. Ein Innenleben, von dem niemand etwas weiß, da Victor nie wirklich sprechen oder sich ausdrücken lernt. Als Autor hat man zwei Möglichkeiten – man kann etwas erfinden und so eine Botschaft vermitteln, oder man kann darauf verzichten. Boyle entscheidet sich für den Verzicht, der Leser erfährt nichts über Victors Seelenleben. Aber muss ich dann dieses Buch lesen? Es gibt einige wenige Stellen, an denen so etwas wie ein Einblick in Victor möglich zu sein scheint – ist das gewollt? Oder ist Boyle da ein Irrtum unterlaufen? Ganz konsequent wirkt die Geschichte nicht, nicht Fisch nicht Fleisch, möchte man sagen. Irgendwie unbefriedigend. Immerhin: man kommt ins Grübeln…